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Retail
23.04.2020

Die Kampagne #supporteachother der Sales-Agentur Melagence

«Weiser Konsum ist gerade existenzrettend»

Für die Händler, die vor allem unabhängige Design-Labels führen, hätte es kaum einen ungünstigeren Zeitpunkt für Ladenschliessungen geben können als jetzt. Die aktuellen Kollektionen Frühjahr/Sommer 2020 sind geliefert, die Läden hängen voll mit Ware, die nicht abverkauft werden kann und die Zahlungen an die Labels werden fällig — diese wiederum haben ihre Lieferanten schon bezahlt und benötigen Cash Flow, um weiter operieren zu können. Glück hat, wer mit der Sales-Agentur Melagence zusammenarbeitet, die Labels wie Christian Wijnants, Lutz Huelle, Mara Hoffman, Veilance oder Barena vertritt. Wie sie mit ihrer rasch ins Leben gerufenen Kampagne #supporteachother beide Seiten — Labels und Handel — unterstützt, wo die Chancen in der Krise liegen und was Konsumierende, egal ob mit oder ohne Budget nun tun können, um zu unterstützen, erzählt uns die Inhaberin Melanie Bauer.

Welchen Herausforderungen steht ihr als Sales-Agentur gerade gegenüber?

Wir haben im Moment komplett andere Aufgaben zu lösen als wir es zu diesem Zeitpunkt normalerweise tun müssten. Wir kommen gerade aus der Order-Phase (Herbst/Winter 2020/21) und würden jetzt Stores besuchen und deren Personal auf die aktuellen Kollektionen (Frühjahr/Sommer 2020) schulen, die gerade geliefert wurden. Vielleicht würden wir uns um die Abwicklung von Reklamationen oder Swaps kümmern.
Stattdessen sind wir jedoch nicht nur mit allen Labels, die wir vertreten, im permanenten Austausch, sondern telefonieren auch mit unseren 170 Kunden und versuchen, individuelle Lösungen für die Krise zu finden. Wir können Valuta auf schon ausgelieferte Ware gewähren oder noch nicht gelieferte Ware halten. Wir müssen jedoch eine Balance finden, die für alle Beteiligten funktioniert, die Labels und den Handel. Nicht jedes Label kann es sich leisten, uneingeschränkt Rabatte zu gewähren oder gar Ware zurück zu nehmen, deswegen handeln wir für beide Seiten massgeschneiderte und verträgliche Lösungen aus.

Wie sieht die Situation für die von euch vertretenen Labels aus?

Zum einen sind da die Kollektionen Herbst/Winter 2020/21, die gerade geordert wurden und jetzt auch schon produziert werden. Viele Händler wollten stornieren — das ist unseres Erachtens aber die Ware, die dann wieder in den Läden gebraucht wird. Es scheint sinnvoller, deren Liefertermin von Juni/Juli in Richtung August/September zu schieben. Dann haben wir auch ein besseres Bild von der Gesamtsituation und können schauen, an welchen Stellschrauben wir noch drehen können. Zum anderen arbeiten die Labels jetzt schon an den nächsten Kollektionen, Pre-Summer 2020/21, die wir jetzt im Juni zeigen würden. Die stehen konzeptionell bei den meisten, und da sehen wir, dass sie wohl mit den Hauptkollektionen konsolidiert werden.

Meinen Sie, diese Konsolidierung wird sich in die Praxis nach der Corona-Phase ziehen?

Das Gefühl habe ich und die Idee wird auch gerade von allen befeuert. Es wäre zumindest ein guter Zeitpunkt dafür — wie ein Neustart, jetzt könnten alle mitgehen. Was ich auf jeden Fall jetzt schon erkennen kann, ist, dass die grossen Kollektionen wieder mehr fokussiert werden. Es müssen nicht immer fünf Varianten eines Styles sein, vielleicht reichen auch drei.

Für eure Kunden, die Händler, seid Ihr sehr schnell aktiv geworden und habt tolle Support-Massnahmen umgesetzt.

Ja, unsere Kampagne #supporteachother für die Frühjahr/Sommer Ware 2020, die gerade ausgeliefert wurde und jetzt in den Läden hängt. Wir zeigen den Händlern zum Beispiel, wie sie innerhalb von 24 Stunden einen Online-Shop aufsetzen können. Wir liefern ihnen Bildmaterial, sowohl von Kampagnen als auch Product Shoots, passend zu ihren Bestellungen, die sie entweder für die Online-Shops oder für ihre sozialen Medien verwenden können. Und weil wir aktuell unsere Schulungen nicht vor Ort durchführen können, erstellen wir entsprechende Videos. Ausserdem nutzen wir Instagram, um unsere Labels kontinuierlich unseren Followern vorzustellen. In den entsprechenden Stories vertaggen wir die Läden, in denen sie erhältlich sind und teilen mit, wie dort gekauft werden kann, zum Beispiel per Direct Message oder im Online Shop.

Ausserdem arbeiten wir an unserer Plattform melagence.local, im Prinzip ein Mini-Farfetch. Wir werden mit 12 bis 18 Läden online gehen. Sie werden mit einem Profil und Bildern vorgestellt, dazu ein kurzes Interview mit den Köpfen, die dahinterstecken. Es kann nach Postleitzahl gefiltert werden und so können die User sehen, welchen Store sie in ihrer Umgebung unterstützen können — dort können die entsprechenden Produkte, die bei uns in der Agentur geordert wurden, von den Konsumierenden bestellt werden. Die Plattform geht noch diese Woche online.

Soll die Plattform nach der jetzigen Phase weiter bestehen bleiben?

Auf jeden Fall denken wir damit in die Zukunft. Das Gute an der Geschichte ist, dass um das Thema Digitalisierung nun keiner mehr herumkommt, auch Stores, die darüber bisher noch gar nicht nachgedacht haben, sie nun aber als Chance, als weiteres Standbein begreifen — dass man natürlich seinen tollen Laden und seine Beratung weiter behalten, man aber trotzdem ein virtuelles Angebot schaffen kann, ohne das physische zu kannibalisieren. Und die Konsumierenden kriegen eine Alternative zu den grossen Internethändlern, mit denen sie ihre lokalen Händler unterstützen können.

Greifen Ihre Support-Massnahmen schon?

Es gibt Händler, die unser Tutorial benutzt haben, um sich ihren eigenen Online-Shop zu bauen, zum Beispiel Set & Sekt in Basel oder Lindner Fashion in Dortmund. Wir bekommen auch Kaufanfragen auf unsere Posts, die leiten wir an die entsprechenden Shops weiter. Den fehlenden Umsatz können wir vielleicht nicht komplett auffangen, aber Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist.

Was können die Konsumierenden tun, je nach Budget?

Wer kein Geld hat — liken und sharen hilft, damit die entsprechenden Posts vom Algorithmus im Ranking weit oben gehalten und von möglichst vielen Usern gesehen werden. Über einen aufmunternden Kommentar freuen sich auch alle. Wer ein kleines Budget hat, kann Gutscheine kaufen, für andere oder als Anzahlung für ein Teil, das man sich später gönnen möchte, wenn alles wieder seinen geregelten Gang geht. So bekommt der Store jetzt schon ein bisschen Cash Flow.

Wer ein grösseres Budget hat, kann normal weiter konsumieren. Bei welchem Händler gehe ich denn sonst in der Stadt einkaufen? Wenn ich möchte, dass es den in zwei Jahren noch gibt, dann kaufe ich nun weiter bei ihm ein, wenn nötig eben per Telefon oder E-Mail. Konsum scheint momentan negativ besetzt, aber weiser Konsum ist gerade existenzrettend.

 

Björn Lüdtke