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Die Schweizer Fachzeitschrift für die Textil - und Modebranche
Retail
04.11.2020

Das sagt der Handel

Massnahmen drücken aufs Geschäft

«Treffen Sie so wenige Menschen wie möglich». Dieser Satz findet sich momentan vermehrt auf Plakaten in Deutschschweizer Städten. Nach einem vergleichbar sorglosen Sommer mit Apéros, der ein oder anderen Reise und hoher Kaufkraft wird die Schweizer Bevölkerung nun wieder mehr zur Vorsicht aufgerufen – und folgt artig. Welche Konsequenzen dies für den Einzelhandel hat, haben wir im Folgenden erörtert.

Gestern erreichten uns die erleichternden Neuigkeiten, dass uns – zumindest momentan – noch kein zweiter Lockdown droht. Damit das so bleibt, wurden allerdings die Massnahmen verschärft und das öffentliche Leben stark eingeschränkt. Zwar betrifft dies den Detailhandel, der seine Türen glücklicherweise offen halten darf, nicht direkt, jedoch rufen die neuen Beschränkungen zu noch grösserer Vorsicht in der Bevölkerung auf, die im Handel deutlich spürbar ist.

Maskenpflicht

In Zürich und Basel gehört er schon etwas länger zum Dauer-Accessoire beim Einkauf, anderswo stellt man sich noch auf die neue Erfahrung ein: Das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes ist nun fast schon zur Normalität geworden. Bei der Mode Herzog AG mit 8 POS in der Schweiz sind die Frequenzen mit Einführung der Maskenpflicht spürbar zurückgegangen. «Mit strengeren Massnahmen könnten wir leben, das kommt dann auch nicht mehr so drauf an. Das Erlebnis beim Einkaufen ist mit der Maske leider schon weitgehend weg, jetzt ist wichtig, überhaupt noch offenhalten zu können», sagt Inhaber Sebastian Herzog.

Angst in der Bevölkerung

Mit den anziehenden Massnahmen in anderen Wirtschaftszweigen steigt das Bewusstsein für das Virus in der Bevölkerung. Dies wirkt sich auch auf den textilen Einzelhandel aus. «Die Angst vor Corona wird in den Medien dermassen geschürt (überlaufene Spitäler, fehlende Intensivbetten, Langzeitfolgen...) dass die Kauflust der Konsumenten garantiert nicht stimuliert wird. Wenn private Treffen verboten und Restaurants geschlossen werden, die Panik weiterverbreitet wird, wer geht dann bitte noch entspannt im gehobenen Segment shoppen? Zu Hause bleiben ist die Devise, aber die Geschäfte sollen geöffnet bleiben (damit der Staat nicht zur Kasse gebeten wird)», resümiert Seraina Vischer von «Oooh Fine Fashion GmbH». Eva Herren von «Die Handlung» in Luzern, eine kleine, seit 13 Jahren inhabergeführte Boutique, stellt fest, dass die Kundschaft seit Ende September/Anfang Oktober eher wegbleibt und wenn dann eher zögerlich einkauft. Die Unsicherheit sei zu spüren, besonders wegen der kleinen Grösse des Geschäfts trotz Begrenzung der Personenanzahl. Ausserdem sei seit Ausbruch der Pandemie ein neues, nachhaltigeres Bewusstsein bei den Kunden entstanden, die nun ihren Konsum herunterfahren möchten. «Die zweite Welle empfinde ich als noch grössere Herausforderung, da wir zwar das Geschäft offen haben, aber der Umsatz sinkt und die Kosten laufen weiter. Auch auf das Mentale drückt die Situation: Es gibt nichts frustrierenderes als alleine im Laden zu sitzen und niemand kommt. Wäre eine Schliessung der Geschäfte angeordnet, könnten wir immerhin nach Unterstützung fragen»,  sagt Herren. Die Unsicherheit bei den Kunden bekommt Matthias Weber von Zooloose mit Geschäften in Zürich und Basel auch insofern zu spüren, als dass die Laufkundschaft aus und die Innenstädte leer bleiben. Trotzdem verkündet er freudig, einen Rekord-Oktober gehabt zu haben. «Ich habe das Gefühl, dass die Kunden gezielt kommen und sich dann richtig eindecken. Wir waren selbst sehr erstaunt über die starke Frequenz, besonders an den Samstagen», so Weber.

Ein zweiter Lockdown?

Einem zweiten Lockdown, auch wenn nur für ein paar Wochen, stehen die Händler mit gemischten Gefühlen gegenüber. Sebastian Herzog sagt: «Ein erneuter, auch kurzer, Lockdown wäre wieder sehr einschneidend und – es ist immer noch Vollpreiszeit - schwer zu verkraften. Die Umsatzverluste nachher aufzuholen wäre schwer. Auch wird der Branche so die Möglichkeit schon wieder genommen, den Sale später zu beginnen. Die Sicherung der Liquidität, sprich das Erzielen des nötigen (Mehr-) Umsatzes nach einem erneuten Lockdown, wird schwer ohne Preisreduktionen möglich sein, da wir uns bereits wieder im Sog der jetzt schon wieder gestarteten Mid-Season-Sale Phase der Onliner und Versender befinden.» Ebenso das Weihnachtsgeschäft, für einige eine der besten Phasen im Jahr, befände sich in Gefahr: Eine Schliessung während dem Weihnachtsgeschäft wäre kein schönes Szenario und würde sich auf den Umsatz massiv auswirken. Wir machen unseren Hauptumsatz in der Weihnachtszeit und sind natürlich auf diese Wochen angewiesen. Entsprechend gross wäre die Auswirkung dessen. Ein Lockdown wäre definitiv ein Worst-Case-Szenario, das wir uns keinesfalls wünschen. Aber natürlich steht die Gesundheit der Bevölkerung an erster Stelle», so Nina Müller, CEO Jelmoli. Dass das Weihnachtsgeschäft bestehen bleiben muss, darin sind sich alle einig: «Ich würde einen kurzen Lockdown von zwei bis vier Wochen verkraften – sofern er im November stattfindet und somit das Weihnachtsfest- und Geschäft gerettet ist. Denn auch die Stimmung der Menschen ist aktuell gedrückt. Somit hätte ich lieber jetzt einen kurzen Unterbruch und danach im Dezember – analog zur zweiten Maihälfte 2020 – eine Aufholjagd mit kauflustigen Kunden», erklärt Seraina Vischer. Selbst wenn es sich nur um einen zweiwöchigen Lockdown handeln würde – wünschenswert wäre es für Matthias Weber nicht. Denn trotz der tollen Herbst-Umsätze gelte es noch immer, die verlorenen zwei Monate im Frühling aufzuholen. «Einen kurzen Lockdown mit staatlichen Massnahmen wie Kurzarbeit könnten wir vielleicht stemmen, aber nochmal zwei Monate würden nicht gehen. Nicht nur die Diskussionen mit den Vermietern, auch die liegengebliebene Ware würden ein grosses Problem darstellen.»

Es gilt abzuwarten, wie sich die gestern verschärften Regeln weiterhin auf das Kaufverhalten auswirken. Wir bleiben dran.

Aylin Aslan