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Retail
19.05.2020

Lokal ist das neue Normal

Die Freude war gross, als Anfang der Woche auch der stationäre Handel hierzulande endlich seine Türen wieder öffnen durfte. Mit Abstands- und Anzahlregelungen, viel Desinfektionsmittel und Platz war es Kunden und Personal gleichermassen möglich, gemeinsam einen Schritt in die neue Normalität zu wagen. Wir haben uns umgehört und umgeschaut.

An der Zürcher Bahnhofstrasse wurde am Montagmorgen bereits eine lange Schlange vor Louis Vuitton gesichtet. Sie steht symbolisch für den grossen Nachholbedarf und die Treue, die diese Woche durchweg im Handel zu spüren war. «Wir durften einen grossartigen Start erleben, unsere Umsatzerwartungen wurden bei weitem übertroffen», heisst es bei Jelmoli. Das umfassende Schutzkonzept und die wertvollen Erfahrungen, die man bereits in den letzten Wochen durch die Öffnung des Food Markets sammeln konnte, haben sich ausgezahlt. Die Kunden honorierten dies mit Dankbarkeit und Kauflust. Weiter habe man das Gefühl, dass derzeit ein grosses Bedürfnis in der Bevölkerung bestehe, die lokale Wirtschaft besonders zu unterstützen, was auch weitere Händler bejahten.
Doch wie sieht es abseits der sowieso stark frequentierten Bahnhofstrasse aus? In Bern zeigt man sich hocherfreut. «Die Leute standen bereits am Morgen vor der Öffnung vor dem Laden und warteten, bis sie reingelassen wurden. Über den ganzen Tag verteilt hatten wir eine überdurchschnittlich hohe Frequenz, ebenfalls am Dienstag. Das Schönste war aber sicherlich die Freude der Kunden und unserer Mitarbeitenden, die sichtbar und spürbar war. Es war eine entspannte Atmosphäre und weniger hektisch als sonst üblich, die Leute nahmen extrem Rücksicht. Bezüglich Umsatz war es so, dass wir an beiden Tagen ungefähr auf Vorjahresniveau waren, was uns extrem positiv stimmt. Das heisst, nicht nur die Frequenz war da, sondern die Kunden kauften auch wirklich etwas ein», so Sven Oesch von Loeb. «Die Umsätze bewegen sich nach den ersten drei Tagen deutlich über Vorjahr. Der Kundenfranken und die Teile pro Bon sind höher als zuvor», resümiert auch Alain Bernheim von Bernheim Mode in Olten. Die Gäste seien dankbar, glücklich und zahlreich auf der Fläche erschienen. Ähnlich sah es auch in den Zürcher Viaduktbögen aus. Bei Street-Files wurden die tiefen Erwartungen ebenfalls leicht übertroffen, die Leute, die etwas kauften, kauften viel. Generell sei die Frequenz in den Bögen ähnlich wie im Vorjahr, die Kauflust jedoch besonders spürbar. Und das trotz wenig ausserplanmässiger Rabattaktionen. Die befürchtete Rabattschlacht blieb – ob in Zürich, Bern oder Olten – glücklicherweise generell aus.
Milo Goldener vom Verband Textilschweiz zieht ein vorläufiges Fazit: «Besonders ländliche Geschäfte können einen Umsatz über Vorjahresniveau verzeichnen. In den Städten ist es schwieriger, jedoch können besonders kleine Läden von der Solidarität der Stammkundschaft profitieren. Ganz schlimm trifft es derzeit die Shoppingcenter, die ein Minus von über 30 Prozent hinnehmen müssen, vor allem wegen geschlossener oder hälftiger Tischangebote in den Gastronomiezonen. Konsumenten sind darüber hinaus noch sehr verunsichert, möchten grössere Menschenansammlungen meiden und bevorzugen momentan Läden in näherer Reichweite. Ich denke aber, dass sich diese Verunsicherung in den nächsten Wochen wieder relativieren wird.»

Blick über den Zaun
Bei unseren Nachbarn in Deutschland und Österreich läuft der stationäre Textilhandel nun schon ein paar Wochen. Mit einem grossen Unterschied: Der Maskenpflicht, die zum einen dauerhaft an eine drohende Infektion erinnert, zum anderen auch die Kommunikation – verbal wie nonverbal – erschwert. All dies wirkt sich negativ auf die Kauffreude aus, wenn Leute überhaupt bis ins Geschäft kommen. Denn für viele steht aus oben genannten Gründen Shopping gar nicht erst zur Debatte. In dieser Hinsicht können wir uns sehr glücklich schätzen und hören aus dem Handel von einem extrem respektvollen Umgang mit Abstands- und Hygienevorschriften seitens Kunden und Personal.

Blick in die Zukunft
Trotzdem: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch wenn wir uns schnell umgewöhnen konnten, die verpassten Tage während dem Stillstand können nicht aufgeholt werden. Laut einer Studie der Credit Suisse werden Kleiderläden hierzulande am Ende des Jahres insgesamt rund 20 Prozent Umsatz in der Kasse fehlen. Es ist davon auszugehen, dass das durch den Lockdown bedingte erstarkte Onlineshopping bleiben wird. Wie es einzelne im Detail trifft und ob die derzeitige Kauflust trotz Krise anhält, gilt es, in den nächsten Wochen abzuwarten.

Lesen Sie derweil weitere Neuigkeiten aus der Branche und was in diesen herausfordernden Zeiten im Ladenbau und der Kaufpsychologie wichtig ist in unserer digitalen Ausgabe vom 25. Mai. Zu aktuellen Entwicklungen halten wir Sie auf textilrevue.ch auf dem neusten Stand.

Aylin Aslan