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Retail
29.01.2021

Interview mit Dagmar Jenni, Geschäftsführerin der Swiss Retail Federation

«Der Retail ist agiler, als man ihm zuschreibt»

Die Swiss Retail Federation vertritt seit 1937 als Verband der Schweizer Waren­häuser mittlere und grosse Unter­nehmen wie Manor, Snipes, C & A oder Ochsner Shoes & Sport auf ­politischer und wirtschaftlicher Ebene. Geschäftsführerin Dagmar Jenni im Gespräch im Dezember über ein schwieriges Jahr, die Bedeutung des Detailhandels und den Unterschied ­zwischen Stadt und Land.

Frau Jenni, haben Sie viel zu tun? 

Mein Alltag ist immer etwas hektisch, wir vertreten ja rund 5000 Geschäfte mit schweizweit etwa 40 000 Mitarbeitenden, aber im letzten Jahr habe ich zwischen Februar, als die ersten Gespräche mit dem BAG stattfanden, und Dezember kein einziges freies Wochenende gehabt. Also ja, es läuft grad ziemlich viel.

Sind Sie denn zufrieden mit den Vorschriften der Schweizer Politik?

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich sei zufrieden. Aber wir haben für den Detailhandel, insbesondere wenn ich mit dem Ausland vergleiche, sicher zielgerichtete und adäquate Massnahmen ergreifen können. Ich glaube auch, dass wir im Verband sehr schnell gemerkt haben, dass diese Schutzkonzepte eine grosse Rolle spielen, ob und wie die Geschäfte offen bleiben dürfen. Ebenfalls schnell klar war, dass es genau diese Konzepte sind, die den Spagat zwischen Gesundheit und wirtschaftlichem Interesse schliessen können. Mit Angst kommen die Kunden nicht in die Geschäfte. Dieser Fokus zahlte sich letzten Endes aus. 

Der Detailhandel hat sehr unterschiedlich performt. Was hören Sie aus dem Bereich Mode? 

Das Segment hat sehr gelitten und ist auch betroffen, wenn ein Grossteil der Bevölkerung im Homeoffice arbeitet, da die Frequenzen einbrechen. Von unseren Mitgliedern hörten wir von 30 Prozent Frequenzrückgang und 20 bis 25 Prozent Umsatzeinbussen. Ich finde es wichtig, dass man nicht alles über einen Kamm schert, denn wenn man liest, dass der Onlinehandel boomt und es dem Detailhandel gut gehe, ist das einfach zu undifferenziert. Aber man kann auch sagen, dass wir glimpflicher durch die erste Welle gekommen sind und das im Frühling prognostizierte Minus kleiner ist als gedacht. Das beweist in meinen Augen, dass der Detailhandel agiler unterwegs ist, als man ihm oft zuschreibt. Viele haben wirklich Gas gegeben und alles versucht.

Haben Sie einen Expertentipp?

Man sollte unbedingt alle Hilfe, die man bekommt, annehmen – ohne zu zögern. Sei es Kurzarbeit oder Nachlassstundungen, es braucht einen neuen Blickwinkel. Man muss einfach alles probieren, damit es weiter funktioniert.

Sehen Sie auch einen Unterschied zwischen Stadt und Land?

In der Tat. Die ländlichen Geschäfte fahren zurzeit besser als urbane. Insbesondere Hochfrequenzlagen wie Innenstädte oder Bahnhöfe leiden, sie spüren die ausbleibenden Frequenzen sehr stark. Beispielsweise die Europaallee in Zürich, da ist nichts los, alle Berufsschulen und Büros sind leer, niemand geht in der Mittagspause einkaufen oder Mittagessen. Dazu kommen die hausgemachten Probleme, die es vorher schon gab, wie die Belebung der Innenstädte. 

Wie sehen Sie den vielbesprochenen Strukturwandel?

Klar, wir hatten einen Digitalisierungsschub, wir haben in kurzer Zeit sehr viel hingekriegt, das sonst Jahre gedauert hätte. Doch ich finde es verwerflich, wenn gewisse Politiker sagen, dass der Strukturwandel und die daraus resultierende Marktbereinigung sowieso eingetreten wären. Denn es gibt wirklich viele Firmen, die bis vor der Krise gut gearbeitet haben, denen aber, und da denke ich ­genau an den Fashion-Bereich, die Fixkosten ein Loch in die Kasse gerissen haben, und denen nun schlicht die Liquidität fehlt, um in den digitalen Aus- oder Aufbau oder in neue Kollektionen zu investieren. Zudem fördern gewisse Massnahmen, die der Bund ergreift, künstlich den Onlinekanal, was beinahe einem staatlichen Eingriff in den Wettbewerb gleichkommt.

Was wünschen Sie sich für den Schweizer Detailhandel?

Ich hoffe, dass die Impfungen die Situation im Frühling sehr schnell entspannen. Und natürlich, dass der Retail nicht aufgibt und es schafft, sich durchzubeissen. Man merkt wirklich, dass es viele gut machen und nicht in die Opferrolle fallen möchten. Ich glaube, dass der eine oder andere, der online und offline gut verknüpfen konnte, sogar gestärkt aus der Krise gehen kann. 

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 01/21 vom 4. Januar 2021 publiziert.

 

Christina Noli