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News
25.03.2020

Wie geht es weiter?

Die Corona-Krise hat den Schweizer Detailhandel fest in ihren Klauen. Eine erste Standortbestimmung.

Es ist bereits der vierte Tag seit dem vom Bund angeordneten Corona-Shutdown. Betroffen sind vor allem Gastronomiebetriebe, der Kultur- und Sportbereich, der Tourismus – und natürlich der Non-Food-Detailhandel, bei dem der Modefachhandel eine massgebliche Rolle spielt. Laut der «Handelszeitung» sind schweizweit rund 100’000 bis 2000’000 Firmen betroffen. Die Läden sind seit Dienstag dicht, der Umsatz dieser Unternehmen sank unvorbereitet und plötzlich auf Null. Weiter laufen allerdings Mietkosten, Lohnzahlungen sowie Rechnungen für gelieferte Ware, die nicht verkauft werden kann – oder höchstens online. Dazu kommt, dass Mode zurzeit einen sehr geringen Begehrlichkeitsfaktor aufweist, da keine Events oder soziale Treffen stattfinden können. Und wer kauft sich schon ein neues Kleid für Balkonien? Heute Freitag soll das Wirtschaftsdepartement nun erste Lösungen präsentieren, wie ein Milliardenkredit für gefährdete KMU aussehen könnte. Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes, empfiehlt in einem Interview mit der «Handelszeitung» Kurzarbeit zu beantragen. Gleichzeitig äussert er aber bereits Zweifel, dass die 8 Milliarden Franken nicht reichen werden. Die gute Nachricht für betroffene Firmen ist, dass Bigler damit rechnet, dass der geplante Überbrückungsfond die «betroffenen KMU rasch und unbürokratisch» unterstützen wird. Doch wie lang der Atem der vielen kleinen Betriebe wirklich ist, wird sich erst noch zeigen. Die erst grosse Pleite wurde denn auch schon heute publik: Die Gastrokette Vapiano musste Insolvenz anmelden.

 

Kulanz innerhalb der Branche

Wer liefert wann was? Wer zahlt wann was? Die Forderungen auf beiden Seiten das Handels werden immer dringlicher. Die Händler wollen einen sofortigen Lieferstopp, die Hersteller aber höchstens Verzögerungen und keine Stornierungen. «Die Forderungen nach generellen Stornierungen sind nicht realistisch und nutzen mittelfristig niemanden», sagt etwa Gerd Oliver Seidensticker, Inhaber des gleichnamigen Bekleidungsunternehmens und Präsident von GermanFashion in einer Mitteilung. «So wird das Problem nur ein Glied in der Kette weitergereicht und dem Einzelhändler unterm Strich keinen Vorteil verschaffen und im schlimmsten Falle langjährige gute Geschäftsbeziehungen in Gefahr bringen.» Die Unsicherheit auf allen Seiten ist gross, die existenzbedrohende Situation allerdings auch. Es gibt einige Hersteller, die sich kulant zeigen. So liess das deutsche Unternehmen Rich & Royal unter dem Claim «We Act Royal» seine Kunden heute wissen, dass es seinen Handelspartnern zur Seite stehen will und neben einem Auslieferungsstopp 30 Tage Valuta, Stornierung und Anpassung von Lieferterminen und 10 Prozent zusätzlicher Warentausch bieten wird. Auch Funky Staff will einen Auslieferungsstopp für die April-Kollektion bieten. Zudem werde «aufgrund der aktuellen für alle Beteiligten besonderen Situation und der damit verbundenen Schwierigkeiten beim Absatz der Ware» sowie die Aufträge für die Kollektion Mai/Juni nicht produziert werden. Grundsätzlich lässt sich in dieser beispiellosen Situation wohl sagen, dass partnerschaftliche Gespräche und gegenseitiges Verständnis nun das Wichtigste sind. Für die Händler ist es zudem wichtig, dass – wann auch immer das sein wird – nach Wiedereröffnung der Läden nicht sofort mit dem Ausverkauf gestartet wird, sondern dass erstmal bis Ende Juli die Ware zu regulären Preisen verkauft werden kann.

 

Not macht erfinderisch

Während Schweizer Politiker und Wirtschaftsexperten darüber debattieren, wie den Kleinunternehmen geholfen werden soll, zeigen sich verschiedene Geschäfte derzeit kreativ und gehen neue Wege, um das Beste aus der Situation zu machen. Neben der Pflege der sozialen Medien sowie digitalen Hilfsmittel wie Newslettern, die im Moment die direkte Verbindung zu den eigenen Kunden sind, gibt es auch noch andere Wege, eine – zumindest gewisse – Aufrechterhaltung des Betriebs sicherzustellen. So bietet die Boutique Vestibule in Zürich beispielsweise neben einem 10% Gute-Laune-Rabatt und portofreier Lieferung Personal-Shopping-Beratung via Facetime oder Telefon an. Die Auswahl kann ebenfalls portofrei retourniert werden. Auch kleinere Geschäfte wie Collab Zürich lassen Ihre Kunden über Instagram wissen, dass der Onlineshop geöffnet ist. Die Noway-Gruppe mit den Geschäften On y va und Dings zeigt per Newsletter ebenfalls die neuen Frühlingskollektionen und bestätigt, dass Bestellungen innerhalb von 2 bis 3 Tagen ankommen sollen. Aber auch der Buchhändler, der mit dem Fahrrad seine Bücher vor die Haustüre liefert, zeigt Engagement, statt den Kopf in den Sand zu stecken. 

 

Wir würden gerne von Ihnen wissen, welche Strategien Sie liebe Leserinnen und Leser zurzeit ins Leben rufen, um weiter zu geschäften, wenn das Herz des Geschäfts, der Laden, geschlossen bleiben muss? Als Sprachrohr der Branche möchten wir über Ihre Probleme, Fragen und Herausforderungen berichten – und anderen Branchenvetretern Mut machen. Schreiben Sie uns auf redaktion@textilrevue.ch Ihre Antworten zu den Fragen:

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Christina Noli