Textil Revue | Startseite
Die Schweizer Fachzeitschrift für die Textil - und Modebranche
News
05.05.2020

Schweizer Branchenakteure lancieren Manifest «Zukunft Textilbranche Schweiz»

Wenn nicht jetzt, dann wann? Diese Frage stellen sich Vertretende aus Industrie, Handel, Vertrieb und Verband und sehen in der aktuellen Krise eine Chance, die in Schieflage geratenen Themen rund um Saisonrhythmik, Ordertermine, Ausverkauf und Abwertung von Mode nach dem Corona-Lockdown nachhaltig wieder ins Lot zu bringen. Mit ihrem Manifest «Zukunft Textilbranche Schweiz» suchen die Initianten der Textil Alliance Suisse 2020 Gleichgesinnte aus der Mode- und Textilbranche, die ihre Ideen unterstützen.

«Wir müssen zu einem normalen saisongerechten und nachhaltigen Rhythmus zurückkehren», ist Romano Caduff, Inhaber der Modeagentur Promodafashion überzeugt. Gemeinsam mit Tina Windscheid, Purple Fashion GmbH, Jürg Brändli, Inhaber Ragtex AG, Milo Goldener, Goldener Mode & Präsident Textilschweiz und Dominique Mifsud, Mifsud Fashion GmbH, wollen die Gründer der Textil Alliance Suisse 2020 die aktuelle Situation und die damit einhergehenden Probleme und Verschiebungen entlang der gesamten Wertschöpfungs- und Lieferkette als Möglichkeit sehen und ändern, was vielen schon länger sauer aufstösst. «Wer braucht im Juli eine Winterjacke oder im Januar eine Shorts?» heisst es passend im am 29. April veröffentlichten Manifest. Aber auch «rote Rabattplakate im Dezember bei weihnachtlich dekorierten Gassen und Schaufenstern», die frühen Ordertermine für die Einkäufer oder die geringe Wertigkeit von Mode sind Fragen, denen sich die Textil Alliance Suisse 2020 widmet und mit neuen Ideen versucht, ein Umdenken der gesamten Branche – bis hin zu den Konsumenten – zu bewirken.

Zurück zu nachhaltigen Strukturen
Viel zu schnell, viel zu viel und viel zu kurz scheint heute vielerorts die goldene Regel des richtigen Produkts zur richtigen Zeit am richtigen Ort in der richtigen Qualität abgelöst zu haben. Genau darauf legt Textil Alliance Suisse 2020 in ihrem Manifest denn auch den Fokus, die vier Hauptanliegen Saisongerechtigkeit, Ausverkauf, Einkaufstermine und Wertigkeit stehen auf dem Programm. Empfohlen werden beispielsweise Reduzierungen ab dem 15. Juli und «den Saisonschlussverkauf ab dem 1. August», analog im Winter ab dem 15. Januar sowie dem 1. Februar. Man hofft, dass zukünftig weniger, aber wertiger konsumiert wird. «Die Auswirkungen der aktuellen Krise auf die Auslieferungen werden massiv sein», so Jürg Brändli, der die Kollektionen seiner Marken Ragman und Thylie grösstenteils in der eigenen Produktion in Peru herstellen lässt, wo es momentan genauso still ist, wie in den Geschäften hierzulande. In ihrem Schreiben bringen die fünf Branchenvertretenden das Problem auf den Punkt: «Aufgrund des globalen Lockdowns ist es zu einem fast weltweiten Erliegen der Geschäftstätigkeit gekommen. Neben dem gesetzlichen Stop jeglicher Verkaufstätigkeit im Handel, beinhaltet das auch einen Produktionsstop in vielen der wichtigsten Produktionsländern. Die Herbst- und Winterlieferungen an die Detailhändler werden in diesem Jahr zwangsläufig sechs bis acht Wochen später erfolgen – aber eigentlich saisongerecht.» Doch nicht nur der Handel muss sich anpassen, laut Brändli «spielt die Industrie eine enorm wichtige Rolle – und muss ebenfalls ihre Lieferrhythmen adaptieren». Damit spricht er einen wichtigen Punkt an, denn nur, wenn alle Beteiligten entlang der Handelskette bereit sind, ihren Teil beizutragen, kann innerhalb der Branche wieder gesünder gewirtschaftet und agiert werden – und die Kollektionen dann auf den Flächen landen, wenn sie von den Konsumenten auch gekauft werden. «Wir haben heute die Chance, das Ruder herumzureissen und die gesamte Wertigkeit zu heben. Und zwar nachhaltig. Das gilt für die Grossen genauso wie für die Kleinen», so Milo Goldener. Als Folge der ausserordentlichen Situation in diesem Frühjahr soll sich «die Abverkaufszeit der Sommerware gleichermassen saisongerecht um 45 Tage verlängern». Zudem soll die Möglichkeit von möglichst vielen ergriffen werden, um «werterhaltende und nachhaltige Strukturen neu zu legen». Ein grosses Anliegen der Textil Alliance Suisse 2020 ist zudem, dass diese Lieferterminverschiebung in der Zukunft beibehalten wird. Dominique Mifsud ist überzeugt, dass die Ideen Potenzial haben: «Holland ist für diese Rhythmik ein Paradebeispiel, da beginnt der Ausverkauf sowie der Einkauf erst im Januar – und das funktioniert sehr gut.» Parallel zur Initiative der Textil Alliance Suisse 2020 sind auch in Deutschland und Österreich ähnliche Bestrebungen im Gange. Es gilt also, sich zu finden – national und international, von der Produktion über den Handel, den Vertrieb bis zu den Fachmessen.

Langfristig Umdenken – aber wie?
Die vertikale Konkurrenz sowie eingewanderte Rabattaktionen machen dem Fachhandel und den hochwertigen Filialisten seit einigen Jahren das Leben zusätzlich zum Frequenzrückgang in den Innenstädten und der Konkurrenz aus dem Netz schwer, denn nach wie vor wollen viele Endkonsumenten, einmal das Blut von Mid-Season-, Black Friday- oder Singles Day-Rabattschlachten geleckt, nicht mehr den vollen Preis bezahlen. Es gilt also die Empfehlung, die Preise so lange wie möglich zu halten und somit die Deckungsbeiträge zu sichern. Die Einigkeit unter den Initianten ist beim Treffen unter strengen Hygienevorkehrungen an einem sonnigen Nachmittag Ende April ungewöhnlich gross, der gewählte Zeitpunkt allen Widrigkeiten der aktuellen Situation zum Trotz, scheint richtig. «Wir müssen am gleichen Strang ziehen», spricht Tina Windscheid denn auch allen aus der Seele, «in Krisen entsteht auch Gutes, es ist die richtige Zeit, die Leute zum Umdenken zu bewegen», so die Modefrau. Und Jürg Brändli fügt an: «Der wichtigste Ansatz den wir haben müssen, ist, dass wir wieder werterhaltend arbeiten, denn alles andere bringt uns über kurz oder lang ins Elend. Die aktuelle Wertverminderung von diversen Akteuren ist einfach der falsche Ansatz.»
So tauchen viele Ideen am Tisch auf, das «Textile Bündnis 45» von Ralf Schellenberger wird erwähnt, das vorsieht, die rund 45 Tage des Lockdowns einfach aus dem Kalender zu streichen und die Saison nach hinten zu verschieben. Auch die Idee von Norbert Gresch findet Anklang. Der Inhaber einer Hamburger Modeagentur will zurück «zu alten saisongerechten Rhythmen». Immer klarer wird zudem, dass viele Artikel für Frühling/Sommer 2021 in den Kollektionen oder den Lagern behalten werden und somit die Umsatzverluste auf allen Seiten gesenkt werden können. Aber auch Thematiken wie eine Recyclinggebühr für ausländische Lieferanten wie es beispielsweise der Elektrofachhandel kennt oder Lobbyarbeit in Bern kommen aufs Tapet und machen klar: Die Ideen sind da, es braucht einfach Menschen, die diese in die Branche hinaustragen, Neues wagen und der Bewegung einen Namen und ein Gesicht geben.


Unterstützen Sie das Manifest und die Idee der Gründer hier.

Die Initianten der Textil Alliance Suisse 2020 sind:


Tina Windscheid, Purple Fashion GmbH, für die Produzenten und die Agenturen

Jürg Brändli, Ragtex AG (Ragman, Thylie) für die Produzenten, die Zulieferer und den Grosshandel


Romano Caduff, Promodafashion AG, für die Agenturen und den Detailhandel


Milo Goldener, Goldener Mode AG und Verband textilschweiz, für den KMU-Detailhandel


Dominique Mifsud, Mifsud.fashion GmbH, für die Agenturen und den Detailhandel, die Fabrikation und die Industrie

Christina Noli