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News
08.05.2020

Branchenstimmen: Rolf Lenzinger – «Wir müssen uns auf weitere Umsatzeinbussen einstellen»

Dass die Coronakrise die Modebranche am härtesten trifft, mussten wir alle – ob Händler, Verkaufspersonal, Hersteller, lokales Modelabel, Ausbildungsstätte oder Agentur – die letzten Wochen am eigenen Leib erfahren. Wir haben uns bei unseren Partnern umgehört und sie gebeten, ihre Anliegen, Gedanken und Probleme in der Krise mit uns und dem Rest der Branche zu teilen.

Rolf Lenzinger, CEO der im TMC ansässigen Modeagentur Lenzinger GmbH, beschreibt seine Erfahrungen, Gedanken und Vorhaben zur momentanen Situation.

«Wir spüren die Auswirkungen der Krise momentan besonders am Umsatz, der zum grössten Teil eingebrochen ist. Die Fachhändler bestellen nur noch Sonderwünsche ihrer Stammkunden. Das hat zur Folge, dass wir seit Bestehen der Firma das erste Mal Kurzarbeit anmelden mussten. Unsere grösste Sorge ist unsere Liquidität. Wir möchten den Kunden möglichst viel Unterstützung bieten, damit sie überleben können, dafür brauchen wir aber ebenfalls genug Liquidität um die verspäteten Zahlungen zu finanzieren und die Umsatzverluste zu verdauen.  

Je nach Kollektionen haben wir ganz unterschiedliche Ansätze, um die Herausforderungen zu meistern. Grundsätzlich werden die FS20 Kollektionen reduziert und Serien, die noch nicht ausgeliefert wurden, in die nächste Saison integriert. Der Saisonstart für HW20 wird nach hinten geschoben, sodass die Kunden mehr Zeit gewinnen, die Sommerkollektionen zu verkaufen. Dabei hoffen wir, dass der Einzelhandel diese Chance nutzt und nicht mit verfrühtem Ausverkauf die Saison und seine Margen wegwirft. Auch die HW20 Kollektionen werden etwas kleiner ausfallen, um der reduzierten Verkaufsperiode gerecht zu werden. Auf jeden Fall werden aber Neuheiten angeboten und ausgeliefert, damit das Warenbild am POS einen neuen Look erhält. Auch auf FS21 werden wir in allen Kollektionen Neuheiten präsentieren. Dies ist essenziell, um die Kauflust und die Erwartungen der Konsumenten zu befriedigen.

Die Reaktionen aus dem Markt sind sehr unterschiedlich. Bei einigen Kunden führt die Situation zu verstärkter Kreativität und zum Ausbau ihrer Dienstleistungen. Andere wiederum sind eher panisch und blockiert. Auf jeden Fall wird ein Bereinigung im Einzelhandel aber auch im Grosshandel stattfinden. Diese Bereinigung tut sicherlich weh, ergibt aber auch wieder neue Chancen für solche, die die Krise überstehen. Hoffentlich hält die momentane Gefühlslage der Konsumenten, ihre Einkäufe vermehrt lokal und im Land zu tätigen länger an, das würde dem ganzen Retail helfen. Diese Krise hat uns alle gefordert und zum Überdenken vieler Aktivitäten bewegt. Diese Anpassungen werden uns auch in Zukunft zugute kommen. Wer eine Krise übersteht, kommt definitiv gestärkter aus ihr raus.

Trotzdem ist es schwierig einzuschätzen, wie es weitergeht; vieles ist unbekannt. Doch ich denke, der Handel kann zu Beginn sicherlich von einem gewissen Nachholbedarf der Konsumenten profitieren. Weiter ist die Saison wie sonst auch vom Wetter abhängig. Wenn uns der Sommer wohlgesinnt ist, und die Reisemöglichkeiten nach wie vor eingeschränkt bleiben, könnten auch diese Einflüsse den Umsatz im Einzelhandel stark fördern. Ende Saison wissen wir mehr und werden auch dann unseren Kunden mit der nötigen Unterstützung zur Verfügung stehen. Sicherlich müssen wir uns aber auf Umsatzeinbussen in diesem Jahr und auch im nächsten Frühjahr/Sommer einstellen.»

Aylin Aslan