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Die Schweizer Fachzeitschrift für die Textil - und Modebranche
News
30.04.2020

Branchenstimmen

Branchenstimmen – Gwen Aubry: Viele haben zurzeit Überkapazitäten

Dass die Coronakrise die Modebranche am härtesten trifft, mussten wir alle – ob Händler, Verkaufspersonal, Hersteller, lokales Modelabel, Ausbildungsstätte oder Agentur – die letzten Wochen am eigenen Leib erfahren. Wir haben uns bei unseren Partnern umgehört und sie gebeten, ihre Anliegen, Gedanken und Probleme in der Krise mit uns und dem Rest der Branche zu teilen.

Gwen Aubry, CEO bei Bischoff Textil AG, beschreibt seine Erfahrungen und Gedanken zur momentanen Situation:

«Die grösste Sorge ist, dass wir blind fahren, ohne zu wissen, wie lange es noch dauert, bis die Normalität wieder hergestellt ist. Und wenn sie kommt, die Normalität – ist sie dauerhaft oder temporär, werden erneut Restriktionen auf uns zukommen? Man ist dazu verpflichtet, abzuwarten und die Situation laufend zu analysieren und zu beurteilen. Wir versuchen, mit unseren Kunden in Kontakt zu bleiben, was sich nicht überall als einfach herausstellt. In Gegenden mit scharfen Lockdowns sind die Ansprechpartner nicht gut erreichbar, aber der Austausch der verschiedenen Player ist wichtig. Mit unseren Produktionsstätten in Asien sind wir im Austausch und bekommen wichtige Feedbacks der lokalen Partner. Als Massnahme haben wir Kurzarbeit eingereicht für die Beschäftigten in der Produktion, um die Kosten zu kontrollieren. Seit der strategischen Neuausrichtung Ende 2018 sind wir zum Glück sehr schlank aufgestellt. Die Entwicklung technischer Textilien ist weniger vom Lockdown betroffen, aber im modischen Bereich geht es wohl allen gleich, wir haben zurzeit Überkapazitäten.

Dank der Diversifizierung unseres Geschäfts –  wir  haben auch diverse  Immobilien in unserem Portfolio – wissen wir, dass diese Krise nicht existenzbedrohend ist. Erfreulicherweise haben wir viele Anfragen für Schutzmasken erhalten, und so ist in den letzten Wochen eine gewisse Dynamik entstanden. Mit Die Manufaktur sind wir daran, diese herzustellen, unser Partner konfektioniert und vertreibt sie. Es handelt sich dabei nicht um zertifizierte, sondern um stoffige Community-Masken für die breite Bevölkerung, wie auch der Textilverband sie nennt. Die Sache sieht positiv aus, es gibt eine kurzfristige Perspektive. Die Mitarbeitenden in der Schweizer Textil- und Stickereibranche sind an Hochs und Tiefs gewöhnt, insofern stellt die reduzierte Auslastung keine erstmalige Situation dar. Andererseits hat niemand Freude, wenn es weniger zu tun gibt. Die Maskenproduktion motiviert, flexibel und schnell zu sein. Man wird erfinderisch, flexibel und versucht, sich der Situation anzupassen, das hat Tradition in der Branche. So können wir Ressourcen halten und weiterhin auslasten, wenn auch auf tieferem Niveau. Wie nachhaltig das sein wird, ist eine andere Frage, aber wir bleiben zuversichtlich und halten uns bereit für den Moment, wenn es wieder losgeht.

Da uns die Lockerungen der Massnahmen phasenweise durch das ganze Jahr begleiten werden, hoffe ich für die globale Gesamtwirtschaft darauf, dass wir im 2021 wieder ohne Einschränkungen arbeiten können. Schön wäre, wenn die Themen Nachhaltigkeit und Wertigkeit dabei einen grossen Platz einnehmen würden.»

NoéMie Schwaller