Textil Revue | Startseite
Die Schweizer Fachzeitschrift für die Textil - und Modebranche
News
06.04.2020

Branchenstimmen: Aufruf zu Besonnenheit und Fairness bei Ragman

Dass die Corona-Krise die Modebranche mit am härtesten trifft, mussten wir alle – ob Händler, Verkaufspersonal, Hersteller, lokales Modelabel, Ausbildungsstätte oder Agentur – die letzten Wochen am eigenen Leib erfahren. Während Läden und Fabriken zu sind und der Grossteil eines jeden Unternehmens im Home Office verweilt, ist es still geworden; auf der Fläche ebenso wie auf den Strassen. Wir haben uns bei unseren Partnern umgehört und sie gebeten, ihre Anliegen, Gedanken und Probleme in der Krise mit uns und dem Rest der Branche zu teilen.

Jürg Brändli, Inhaber und geschäftsführender Gesellschafter von Ragtex mit den Marken Ragman und Thylie, kommentierte auf Anfrage der textilrevue seine aktuelle Situation folgendermassen:

«Es ist für alle eine absolute und surreale Ausnahmesituation, die Ungewissheit ist sehr beängstigend. Die Bevölkerung, die Wirtschaft und die Regierungen sollen grenzüberschreitend zusammenstehen, damit wir alle glimpflich, ja vielleicht sogar gestärkt – und vor allem auch mit veränderter Einstellung zu gewissen Dingen – aus dieser Zeit hervorgehen. Wir müssen offen, ehrlich und partnerschaftlich miteinander umgehen und kommunizieren. Es gilt gemeinsam in die Zukunft zu schauen. Gemeinsam in diesem Kontext heisst: Handel, Industrie und Produzenten. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Ausnahmesituation alle Stufen betrifft, denn es ist längst nicht nur der Handel betroffen. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir alle einander brauchen, alleine ist keiner überlebensfähig. In meinen Augen bringt es auch nichts, jetzt schon fast hysterisch über die Zeit nachher zu diskutieren. Schon gar nicht über Konditionen. Keiner von uns kennt die Rahmenbedingungen. Wie soll man da die richtige Lösung finden? Was heute vereinbart wird, mag morgen nicht mehr richtig sein. 

Wir haben sehr viel Ware an den Handel geliefert, Ware, die wir komplett schon in den Produktionen bezahlt haben, die jetzt als hohe offene Debitorenbeträge dastehen. Geldfluss findet kaum mehr statt. Der finanzielle Druck und vor allem auch das Risiko auf der Industrieseite ist enorm. Zudem sind ausserhalb Chinas die meisten Produktionsbetriebe zu. Viele Länder haben Ausgangssperren. In unserem Fall Peru, Türkei, Indien, Italien. Es liegen Garne, Stoffe, Halbfabrikate und fertige Teile in grossen Mengen in den Fabriken. Ware die seitens der Fabrikanten oder der Industrie finanziert und bezahlt ist – mit unbekanntem Abnahmedatum. Wir werden unsere Produzenten nicht auf einem bestellten Teil hängen lassen. Mein wichtigster Betrieb in Peru hat 2800 Leute zu versorgen und die Gehälter müssen zwingend weitergezahlt werden. Wie lange halten die das ohne unsere Hilfe und Zahlungen durch? Staatliche Unterstützung gibt es weder für die Betrieb noch die Mitarbeitenden. Weder bei Kurzarbeit noch bei Entlassungen. Allenfalls Kreditlinien von den Banken, wenn Sicherheiten gestellt werden können. In den anderen Ländern, mit Ausnahme Italien, ist es nicht anders. Meine Sorge ist es, dass je nach Dauer der Sperrung, die Produzenten extrem gefährdet sind. Ohne Ware ist uns allen die wirtschaftliche Basis entzogen. Ohne neue Kollektion für Frühling/Sommer 2021 stehen wir alle unbeholfen da.

Sobald klar ist, wann der Handel seine Verkaufstätigkeit wieder aufnehmen kann, können alle drei Stufen den optimalen Weg finden, um die Ware der Frühling/Sommer-Saison 2020 noch zu verkaufen oder allenfalls auf Frühling/Sommer 2021 zu schieben. Sobald klar ist, wann die Produktionen wieder produzieren dürfen, sehen wir, was zum welchem Termin für Herbst/Winter 2020/21 geliefert werden kann. Das Bonmot „Wir sitzen alle im gleichen Boot“ erfährt im Moment Hochkonjunktur. Ob es auch gelebt wird? Die nächsten Wochen werden es zeigen. Im Boot sitzen drei gleichberechtigte Partner: Handel, Industrie und Produzenten.»

Christina Noli