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Fashion
07.07.2020

Beschleunigte Entschleunigung

Der Saison zwei Takte voraus und immer überall da, wo Mode entsteht und gelebt wird – Karolina Landowski reist normalerweise zwischen den Fashion-Metropolen hin und her, immer auf der Suche nach Trends, ­Tendenzen und Marken. Die Modefrau aus Düsseldorf erklärt, wie sie sich diese Saison informiert, inwiefern Corona ihren Alltag verändert hat und wie sie digitale Formate erfolgreich in ihren Arbeitsalltag integriert.

Sie sind ein modischer Tausendsassa. Könnten Sie kurz beschreiben, was Sie alles tun?
Als freie Modejournalistin schreibe ich für Magazine über die Trends der Modeindustrie. Als Trend Consultant berate ich Marken und Einkäufer und halte Lectures auf ­Modemessen. Mit Fashion Trend Pool habe ich gemeinsam mit Marga Indra-Heide ein beratendes Netzwerk aus Schuh- und Fashion-Expertinnen gegründet. Daneben verantworte ich die Womenswear beim Deutschen Mode-Institut. Dazu unterrichte ich als Dozentin an der Akademie für Modedesign auch jüngere Generationen in Sachen Fashion Forecast.

Wie informieren Sie sich normalerweise?
Ich reise extrem viel – sowohl privat als auch beruflich. Paris, Kopenhagen, Berlin, London sind einmal pro Saison Pflichttermine. Dazu kommen Interviewreisen, Store-Checks und Inspirationsreisen in die ganze Welt. Das alles fällt diese Saison natürlich flach. Ich hoffe, dass zumindest die Stoffmessen im September stattfinden, die eine wichtige Basis für meine Arbeit sind.

Inwiefern hat Corona einen Einfluss auf Ihre Arbeit?
Neben dem Wegfall der Messen und der drohenden Marktbereinigung hat sich die Pandemie nicht wirklich extrem auf meine Arbeit ausgewirkt, eher in Nuancen. Kein Termindruck, kein Dauerstress, keine Angst mehr, was zu verpassen. Mein Kalender war plötzlich komplett leer und nach der ersten Irritation fühlte sich das sehr gut an. Ich habe mich dann schnell digital ausgerichtet und arbeite jetzt an kreativen Ideen, meine Leistungen noch stärker digital aufzustellen.

Für Fashion Trend Pool haben Sie Ihren Trendvortrag «Season Opening F/S 21» ebenfalls zum ersten Mal digital durchgeführt. Wie war das für Sie?
Mit dem «Season Opening» eröffnen wir traditionell die Modesaison. Es ist ein Trendsummit, bei dem die Branche zusammenkommt, um sich kurz vor dem Kick-off in die neue Orderrunde über die neuen Modetrends zu informieren. Es war zwar sehr schade, dass diesmal der persönliche Austausch fehlte, die Impulse für die Saison konnten wir digital aber gut weitergeben. Und wir haben doppelt so viele Zuschauer erreicht wie bei unseren «physischen» Events. Wir haben gemerkt, dass nach den vielen schlechten Nachrichten der vergangenen Wochen die Sehnsucht nach Inspiration gross ist. Das stimmt mich sehr optimistisch.

Könnten Sie sich vorstellen, das zukünftig auf diese Weise weiterzuarbeiten?
Digital kann mit weniger Aufwand auf beiden Seiten eine grössere Zielgruppe erreicht und Informationen können sehr konzentriert vermittelt werden – vom Fashion Forecast bis zum Verkaufsseminar. Unsere wöchentlichen Trendletter werden wir jetzt zusätzlich als Webinare aufzeichnen. Und meine Vorträge auf Messen werden um digitale Formate ergänzt – für alle, die nicht vor Ort sein können oder wollen.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Orderrunde ­gestalten? 
Deutlich konzentrierter. Brands und Hersteller müssen sich extrem gut vorbereiten – mit digitalen Lookbooks und massgeschneiderten Orderterminen. Der emotionale Zufallstreffer, die tolle Überraschungskollektion, die man spontan entdeckt, fällt beim Einkauf sicherlich weg. Umso wichtiger wird Inspiration und Information von Modeexperten. Alles wird vielleicht ein wenig sachlicher, dafür aber auch stressfreier. Denn auch viele unnötige Reisen fallen weg.

Wie sehen Sie die neue Saison stilistisch?
Die stilistische Beruhigung in der Mode wird weiter voranschreiten. Wir sprechen immer mehr über ehrliche Essentials, zeitlose Schnitte und neutrale Farben. Zudem gibt es aber eine Sehnsucht nach Hedonismus, nach Dekoration, nach Party. Die Saison wird bestimmt durch Bestseller mit expressiven Fashion-Themen in der Spitze.

Was wünschen Sie sich?
Ich wünsche mir, dass Corona endlich den viel zitierten Wandel der Modeindustrie bringt: dringend benötigte Entschleunigung, neue Saisontaktung und nachhaltige Produktion. In den letzten drei Monaten hat die Branche eine Entwicklung erfahren, die sonst wohl eher drei Jahre gedauert hätte – nicht nur bei der Digitalisierung, sondern auch in Sachen Sensibilität. Das ist eine einmalige Chance. Not machte viele Akteure sehr erfinderisch. Diese Innovationen werden sicherlich auch langfristig zu etwas Gutem führen.

Christina Noli