Textil Revue | Startseite
Die Schweizer Fachzeitschrift für die Textil - und Modebranche
Business
05.08.2021

«Wir sind viel mutiger als noch vor zwei Jahren» –Marino Edelmann

Strellsons Managing Brand Director Marino Edelmann übernahm im September 2019 das Ruder bei der Menswearmarke der Holy Fashion Group am Bodensee. Nach fast zwei Jahren zieht der Sportswear begeisterte Münchner ein erstes Fazit und erzählt, was er mit Strellson weiter vorhat.

Wie haben Sie Ihre erste Zeit bei den «Holys» erlebt?

Wenn man sich erstmal an die Schweiz gewöhnt hat, ist es wunderbar (lacht). Nein, im Ernst, es macht sehr viel Spass, wir haben die Kollektion weiterentwickelt und geschärft, das Team dynamischer aufgestellt, und ich finde, wir sind richtig gut zusammengewachsen! In meinen Augen ist die Kollektion für kommenden Herbst/Winter 2021/22 perfekt getroffen. Alles ist dabei: unsere Heritage, die Outerwear-Pieces, der technische Aspekt. Wir sind angekommen und wissen nun, wo wir hinwollen. Das Feedback war im Januar sehr positiv – seit da fühle ich mich noch viel wohler hier...

Gab es denn auch Herausforderungen? Die Zeit war schliesslich nicht gerade einfach… 

Ich war zuvor 16 Jahre bei Drykorn, da habe ich mit diesem Schritt natürlich meine Komfortzone verlassen. Und dann kam Corona… Klar, es ist nicht einfach zurzeit, da ich seit einem Jahr «Trouble Shooting» betreibe, aber wir haben die Zeit gut genutzt.

Sie wollten Strellson mehr in Richtung Casual ausrichten. Ist diese Strategie aufgegangen?

Was uns geholfen hat, ist, dass momentan alle sehr offen sind, Dinge zu verändern. Die Anteiligkeiten in den Stammabteilungen sowie die der Formalwear verändern sich stark. Da passt unsere Sportivität sehr gut, das haben wir im Januar deutlich gespürt.

Wie stark nehmen Sie die veränderten Bedürfnisse von PartnerInnen und KundInnen wahr?

Das spüren wir auf jeden Fall. Vor allem, weil viele unserer grossen PartnerInnen massiv an den Flächen und Sortimenten arbeiten. Die Flächenverteilung geht stark Richtung Sportswear und Contemporary, das beeinflusst uns als Marke ebenfalls. Doch auch im Bereich Konfektion, in dem unsere Wurzeln liegen, haben wir uns weiterentwickelt. Hier geht es darum, neue Businesslooks, die eine Alternative zum klassischen Anzug darstellen, zu kreieren.

Was hören Sie aus dem Schweizer Markt?

Unser neuer Mitarbeiter für den Schweizer Vertrieb, Daniele di Paola, berichtet, dass vor allem diverse kleine HändlerInnen sehr kreativ waren und zum Teil sogar einigermassen gut durch die Krise kamen. Und wir sind mit Bayard in eine erfreuliche erste Saison gestartet. Aber auch andere Märkte entwickeln sich spannend: In Russland beispielsweise läuft es zurzeit richtig gut, da die sonst sehr reisefreudigen RussInnen nicht ausser Landes können – und deshalb das Geld vor Ort ausgeben. Da sind wir teilweise 50 Prozent über Vorjahr.

Wo sehen Sie Strellson in Zukunft? Welche Kanäle werden stark sein?

Für uns ist und bleibt Wholesale extrem wichtig, wir haben starke PartnerInnen im Einzelhandel und wollen nur an Standorten wie Zürich, München oder Hamburg eigenen Retail betreiben. Ebenfalls sehr wichtig sind die sozialen Medien mit Influencer-Kampagnen oder ersten Tiktok-Beiträgen, um da eine Community aufzubauen. Und natürlich E Commerce. Aber am Ende braucht es in erster Linie eine ausgereifte Kollektion.

Interessant; viele Marken setzen zurzeit eher auf eigenen Retail…

Ich denke schon, dass es im Bereich Wholesale noch mehr Ausdünnung geben wird, da es schon vor der Krise Konzepte gab, die nicht besonders nachhaltig wirtschafteten, aber ich glaube fest daran, dass es immer Platz für innovative Geschäfte geben wird. Das sehen wir an den schönen Geschichten von kleinen Retailern, die dank Instagram-Verkäufen und Stammkundenservices ein Pari vorweisen können. Und wir spüren einen frischen Wind, wo neue Leute – teils wohl etwas unbedarft, aber umso mutiger – innovative Stores und Ideen lancieren.

Was steht bei Strellson auf dem Plan?

Wir statten die Eishockey-Mannschaft der Schweiz und den Betreuerstab inklusive Trainer Patrick Fischer seit Anfang Jahr bei offiziellen Terminen und für die Anreise zu Spielen sowie der diesjährigen WM aus. Und wir arbeiten neu mit Fabian Cancellara. Mit ihm lancieren wir nächsten Sommer eine stark Performance-orientierte Bike- und Running Kapsel. Ausserdem fokussieren wir das Thema «Wear2Care», das in Richtung klimaneutrale Produktion gehen soll. Ein neues Nachhaltigkeits-Team analysiert zurzeit Wege, Verpackungen, Fuhrpark, Produktion etc.

Wie sieht die neue Kollektion aus?

Ich habe mich entschlossen, diese nicht kleiner zu machen, denn auch wenn HändlerInnen weniger kaufen, müssen sie doch sehen, was wir können – und was ihnen entgeht (lacht). Grundsätzlich wird alles modischer und funktionaler; auch im Bereich Konfektion. Wir haben das Gefühl, die Leute wollen Highlights sehen, Basics interessieren zurzeit nicht. Wir sind deshalb viel mutiger als noch vor zwei Jahren. Eine Marke muss Keylooks haben, an denen sie sich darstellt. Sonst wird man austausch- und ersetzbar.

Von Christina Noli