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Die Schweizer Fachzeitschrift für die Textil - und Modebranche
Business
28.04.2020

Stimmen aus dem Wäschemarkt

Der textile Detailhandel stand lang still, zumindest in Deutschland und Österreich geht er nun langsam und vorsichtig wieder auf. Viele Retailer mussten kurzfristig umdisponieren – sei es online oder in der Produktion. Wie hat der Lockdown den Wäschemarkt getroffen? Wir haben bei unseren Partnern nachgehört.

In einem sind sich alle einig: Am stärksten ist die Krise am massiven Umsatzeinbruch zu spüren. «Wir rechnen auch in Zukunft mit einem gewissen Konsumverzicht. Die enormen Einbussen werden zu Insolvenzen führen – sowohl auf Handel- als auch auf Industrieseite», sagt Matthias Mey, Managing Partner Mey. Bei der Isa Sallmann AG mit der Marke Isa Bodywear sieht es ähnlich aus. «Einzig unsere Kunden, welche im Online- und Versandhandel tätig sind, können wir aktuell noch beliefern. Da sind die Zahlen leicht positiv, was erfreulich ist. Insgesamt fehlt uns aber ein signifikanter Umsatzanteil, welchen wir dieses Jahr nicht mehr aufholen werden», so Thomas Sallmann, Bereichsleiter für Verkauf und Marketing.

Die aktuelle Lage macht es schwer, realistische Prognosen zu machen, wie es weitergehen soll und wird. Dies ruft Sorgen aller Art hervor. Andreas Lindemann, CEO der Schiesser Group, spricht von einer «grossen Ungewissheit, wie sich die Geschäftstätigkeit nach der Öffnung des stationären Handels entwickeln wird und welche Geschäftspartner nach der Krise noch vorhanden sind.» Thomas Sallmann sieht sich vor allem was die Planung angeht eingeschränkt: «Die langfristigen Folgen für die Modebranche sind nur schwer abschätzbar. Durch die Corona-Situation gerät der übliche Vorverkaufs- und Belieferungszyklus komplett aus den Fugen, was uns vor allem in der Planung und Beschaffung extrem fordert.» Trotz der prekären Lage ist aber auch eine allgemeine Solidarität und ein Bewusstsein, dass alle im gleichen Boot sitzen, deutlich spürbar. «Die grösste Sorge gilt zum einen der Gesundheit unserer Mitarbeitenden, zum anderen der Frage, wie weit der Fachhandel die Krise übersteht», lässt Klaus Wuehrl-Struller, Marketingleiter beim Swimwear-Spezialisten Adolf Riedl GmbH mit den Marken Sunflair, Olympia, Opera, Sunmarin und Wavebreaker verlauten.

Not macht bekanntlich erfinderisch. So kam es, dass Mey zu den ersten in der textilen Bekleidungsbranche in Deutschland gehörte, die auf die Produktion von Mund-Nasen-Schutzmasken umgestellt haben. Ursprünglich war der Gedanke dahinter, den medizinischen Einrichtungen zu helfen; so konnte die Produktion aber auch eine Weiterbeschäftigung von einer begrenzten Anzahl an Mitarbeitenden sicherstellen. Trotzdem können die Umsatzverluste so nicht kompensiert werden; «die meisten unserer Mitarbeitenden befinden sich in Kurzarbeit», so Matthias Mey. Auch die anderen Unternehmen haben Massnahmen ergriffen, um der Krise so gut wie möglich zu trotzen. Bei Adolf Riedl hat man ebenfalls auf Maskenproduktion umgestellt, die zumindest einen kleinen Teil an Umsatz generiert. Ausserdem bereite man sich darauf vor, dem Fachhandel starke Unterstützung zu bieten, damit nicht nur der Verkauf in den Handel forciert, sondern auch der Verkauf vor Ort an den Endverbraucher gefördert wird. Bei Isa Sallmann steht ebenso die Erhaltung der Arbeitsplätze an oberster Stelle, weswegen Kurzarbeit eingeführt wurde. Dazu kommt, dass grössere Investitionen auf Eis gelegt wurden. Bei Schiesser wird gerade besonders Online fokussiert. So soll das eigene Onlinegeschäft sowie das der Handelskunden ausgebaut werden. Dies soll durch eine Aufstockung des Personals und des Marketing Spendings in diesem Bereich geschehen. Weiter ist auch hier ein Grossteil der Belegschaft in Kurzarbeit, Kostenbudgets werden überprüft und reduziert, um den Einbruch des stationären Handels abzufangen.

Doch was bedeutet das für den Wäschemarkt hierzulande? «Wir haben leider auch schon von Kunden gehört, dass sie die Krise wahrscheinlich nicht überleben werden. Das ist sehr tragisch», bedauert Thomas Sallmann. Wie es weitergeht, hinge natürlich auch davon ab, wann die Läden hierzulande wieder öffnen dürfen. Andreas Lindemann vermutet eine stärkere Onlinepräsenz: «Insbesondere während des Lockdowns haben wir festgestellt, dass unsere Marke eine hohe Nachfrage in der Schweiz erfahren hat. Verschiedene Handelsformate in der Schweiz haben sich aber bereits vor der Coronakrise in einer schwierigen Lage befunden. Es bleibt abzuwarten, wie sich der stationäre Handel nach der Krise entwickeln wird. Stand heute ist davon auszugehen, dass die Konsumenten nach der Phase der Geschäftsschliessungen sich an die Vorzüge des Onlineshopping gewöhnt haben und aufgrund der noch länger vorhandenen sicherheitstechnischen Einschränkungen im stationären Handel weiterhin online einkaufen werden.» Matthias Mey spricht einer «ähnlich katastrophalen Situation wie in Deutschland für unsere Händler und Partner in der Schweiz», rechnet es der Schweizer Regierung aber hoch an, dass Lebensmitteleinzelhändler nur Produkte des täglichen Bedarfs verkaufen dürfen und nicht wie in Deutschland die Erlaubnis haben, textile Produkte im Angebot zu bewerben und zu verkaufen.

Trotz der derzeit negativen Bilanz, erkennen die Befragten durchaus Chancen in der Krise. So wurde man in den letzten Wochen besonders gefordert, die Vorzüge der digitalen Welt für sich zu nutzen. Bei Isa Sallmann hat man den Ansporn, gestärkt aus dem Lockdown herauszukommen: «Die Krise fordert unser Unternehmen sehr stark und zwingt uns, viele Dinge anders zu machen, zu überdenken und bestehende Prozesse noch schlanker und einfacher zu machen. Meetings werden über Video-Telefonie abgehalten und es funktioniert hervorragend. Es werden Prozesse angestossen, die schon lang auf dem Fahrplan standen», so Thomas Sallmann. Auch bei Adolf Riedl sieht man die Chancen und Möglichkeiten einer konsequenten Digitalisierung; weiter findet derzeit eine Überprüfung und Neubewertung aller Supply Chains und Absatzkanäle statt. Auch nach der Krise möchte man hier weiter an der Optimierung arbeiten. Ähnliches geschieht bei Schiesser, wo die Zeit des Lockdowns positiv genutzt wird um die Geschäftstätigkeit neu auszurichten, um nach der stufenweisen Öffnung wieder voll durchzustarten. Matthias Mey überdenkt in Zeiten wie diesen auch den Aspekt der Produktion: «Die Branche ist heute teilweise gar nicht mehr in der Lage, bestimmte Produkte in ausreichender Menge in Deutschland oder gar in Europa zu fertigen. Das Know-how ist teilweise längst abgewandert. Es wäre wünschenswert, darüber nachzudenken, welche Produkte auch in Deutschland oder in der Schweiz wieder verstärkt hergestellt werden können. Nicht nur unter dem Aspekt der aktuellen Krise sondern auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit und der damit verbundenen Transportwege und Emissionen.»

 

Anmerkung der Redaktion: Die im Artikel zitierten Aussagen wurden am 20. und 21. April 2020 getroffen.

Aylin Aslan