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Business
18.02.2021

«Wir sind kein klassischer Krisenbetrieb»

Schweizer Sporthandel im Februar

Die vor Kurzem veröffentlichte Studie von Hanser Consulting AG im Auftrag von Asmas & Spaf zu den Auswirkungen von Covid-19 auf die Schweizer Sportartikelbranche zeigt durchs Band ein bewölktes Bild. Der Detailhandel lebt in der ganzen Schweiz zu 40 - 60 Prozent vom Wintersportgeschäft, Teamsport und Alpin-Wintersport sind somit am stärksten negativ betroffen. Bike/Velo sowie Nordic-Wintersport sind positiv betroffen. Wir haben uns bei Sporthändlern und -vertrieb umgehört und den Puls gefühlt.

Der Schnee reichlich, die Sonne auch: Es herrschen nahezu perfekte Pistenbedingungen. Aber es sind viel weniger Leute am Berg, etwa ein Drittel, es kommen keine ausländischen Gäste, dazu fehlen Firmenanlässe und die grossen Gruppenausflüge. Wie wirkt sich dies auf die Geschäfte der Sporthändler aus?

 

«Der Februar wird nicht erfreulich ausgehen», befürchtet Doris Gruber, Co-Inhaberin Meini Sport & Mode in Laax. Ihr Geschäft liegt am Puls des Skigebiets bei der Talstation der Bergbahnen. «Wir haben den Kopf nicht in den Sand gesteckt und versuchen über Call&Collect und Heimlieferungen alles, was wir können». Sie rechnet für Februar ein Minus von 40-50 Prozent. «Insgesamt fehlt uns fast ein ganzer Winterumsatz», fügt sie an und hofft, dass ab März die Entfremdung nicht zu stark ist und alles wieder gut läuft. Anders als in anderen Gebieten verzeichnete Laax viele Besucher aus anderen Regionen, insbesondere aus dem Tessin, Italien, Poland, Deutschland und Frankreich.

 

Philipp Felder, Inhaber Titlis Sport AG in Engelberg habe seit der gestrigen Meldung des Bundes zur Wiedereröffnung der Geschäfte Anfang März «ein Lächeln im Gesicht. Es gibt wieder Perspektiven, wir treffen schon Vorbereitungen, um den hoffentlich grossen Ansturm zu bewältigen». Da sein Geschäft im Winter sehr stark von der Vermietung lebt, rechnet er trotz Teilöffnung im Februar mit einem Minus von 180 000 Franken. zudem sitzt er auf grossen Lagerbeständen: «Von nur einem Lieferanten habe ich 2500 Mützen an Lager, zudem 200-300 Skihandschuhe und unzählige Schäle. Das Click&Collect via Telefon verstehen die einen, andere nicht oder finden es zu kompliziert.» Da die Pistenrestaurants der Kantone Ob- und Nidwalden ihre  Tische im Freien zum Essen anbieten dürfen, liegt die Auslastung im Skigebiet an schönen Tagen wie letztes Wochenende bei 70 Prozent. «Zum ersten Mal ging wieder etwas.», erzählt Felder, und weiter: «Auf der Homepage nahmen wir die Langlaufski-Vermietung raus, weil die Nachfrage so hoch war, dass sie für uns nur telefonisch zu schaffen ist». 

 

«Wir sind kein klassischer Krisenbetrieb», erläutert Anja Roffler, Geschäftsinhaberin Rätikon Sport in Küblis. Für sie kamen die Neuigkeiten zur Wiedereröffnung überraschend. «Wir sind zufrieden. Immerhin haben wir Vorlaufzeit, um uns vorzubereiten. Im Sommer haben wir neue Räumlichkeiten gebaut, da kamen im Q4 2020 sehr viele Leute für Tourenmaterial. Aus der Erfahrung vom letzten Frühling wird der März super laufen.» Auch sie rechnet trotz Weiterführung von Vermietung und Skiservice im Februar mit Einbussen von minus 50 Prozent. «Aber erstaunlicherweise herrscht auch ohne ausländische Gäste viel Betrieb. Unser Glück ist unsere Spezialisierung auf Skitouren».

 

Auch Michael Volken, Inhaber Volken Sport GmbH in Fiesch, konnte in den Bereichen seiner Spezialisierungen im Langlauf und Tourenbereich gut abverkaufen. Aber im Mietgeschäft fehlen besonders die ausländischen Gäste. «Im November 2019 durften wir unser neues Geschäft im neuerbauten Fiescher Terminal mit Bahnhof, Postauto und Gondelbahn eröffnen. Das war für uns eine Rieseninvestition, aber für unsere Zukunft enorm wichtig. Am alten Standort hätten wir viel weniger Frequenzen gehabt», so der Inhaber in dritter Generation, und fügt an: «Für einen Onlineshop sind wir definitiv zu klein. Das würde sich finanziell leider nie rechnen. Da gibt es die grossen Player auf dem Markt, die mit tiefen Preisen reinhauen da sind wir machtlos. Kritisch ist zudem, das bald die Sommerware ausgeliefert wird, die auch bezahlt werden muss. Wir sind aber zuversichtlich, da schon im letzten Sommer viele in den Schweizer Bergen Urlaub gemacht haben.»

 

«Durch den massiven Umsatzrückgang fehlen uns die liquiden Mittel für die Zahlungen des Sommer 2021», sagt auch Hugo Koch, Inhaber Sport Trend Shop in Hinwil. Für ihn sei die Situation frustrierend: «Mir fehlt eine klare Struktur und Weg von Seiten des BAG und der Regierung. Es wird von uns viel gefordert, doch von der anderen Seite kommt nichts!» Seine Lösungsansätze liegen bei der Zusammenarbeit mit den Lieferanten und über längere Zahlungskonditionen verhandeln. Auch hat er für den Winter 21/22 das Budget massiv gekürzt für gute Ergänzungen der Lagerbestände mit neuen Artikeln für den kommenden Winter. Zuversichtlich ist auch Koch für den Sommer: «Da wir jetzt vor dem Frühlingsstart sind, werden wir sicher in den Bereichen Bike und Wassersport – wie das bereits im Sommer 2020 der Fall war – gute Umsätze haben. Ich rechne damit, dass der gesamte Outdoor- und Running-Bereich viel Zug haben wird. Wenn die Schweizer wieder Sommerferien in der Schweiz machen, wird das uns stark helfen, gute Umsätze zu erzielen.»

 

Von Agenturseite meldet Orlando Hügli, Gründer der Agentur Vision-O, dass er zum ersten Mal kein Prognosen pro Kunde und Brand vor dem Termin stellen kann, denn normalerweise sieht er pro Brand, Region, Gender, Preispunkt, Einsatz des Produktes, Abverkaufszahlen und Vordiskussionen immer eine gewisse Richtung: «Es ist und bleibt super interessant und für mich. Veränderungen können immer kritisch sein, genauso aber auch an Ort und Stelle zu verweilen.» Mitdenken, umdenken und aktiv vorausschauen sehe er als den richtigen Weg, nach dem Motto: «Was gestern super gut war, funktioniert heute vielleicht schon nicht mehr und morgen wird sowieso alles anders sein – stay positive.»

 

Positiv will auch Roffler in die Zukunft schauen und schliesst mit den Worten: «Der allgemeinen Sportbranche will ich mitteilen, das Beste daraus zu machen. Der nächste Winter kommt ganz sicher anders. Unsere Brache profitiert davon, dass die Leute rausgehen und sportlich sein wollen, wenn sie denn können. Nun also positiv nach vorne schauen!»

NoéMie Schwaller