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Business
12.05.2020

Händler bereiten sich auf die Wiedereröffnung ihrer Geschäfte vor

Post-Lockdown-Retail: Türen auf – und los?

Am Montag 11. Mai ist es endlich soweit: Schweizweit dürfen alle Detailhändler ihre Läden wieder aufmachen. Doch was erwartet die Kunden auf der Fläche? Wie werden die Schutzmassnahmen umgesetzt? Und welche Gedanken macht sich der Handel in Hinblick auf die Wiedereröffnung? Wir haben uns umgehört.

Bedienen der Kunden mit Zwei-Meter-Abstand, Schutzmasken in der Umkleidekabine, Handschuhe sowie Desinfektionsmittel auf der Fläche, Einlasszähler und Bodenmarkierungen vor den Kassen – die Auflagen des Bundes bezüglich Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen sind für die Retailer eine Herausforderung. Wie kann man Kunden in die Kleider helfen? Wie Ausmessungen und Absteckarbeiten durchführen? Wie Kundennähe auf der Fläche zeigen? Auf Nachfrage der textilrevue wird klar: Egal wie kompliziert die Beratung und der Alltag auch sein werden, im Moment überwiegt die Freude, endlich die Türen wieder öffnen zu können. «Wir besprechen die neue Situation mit dem Team, indem wir über die aktuellen Sicherheitsvorschriften informieren und schulen. Motivation braucht es nicht, jeder von uns ist total begeistert und freut sich, endlich wieder arbeiten zu dürfen», erklärt Laurence Antiglio, Inhaberin von Vestibule in Zürich. Und auch Rebekka Sommerhalder, die zusätzlich zu ihrem Geschäft mit nachhaltiger Mode in Luzern kurz vor dem Lockdown eine zweite Glore-Dependance in Zürich eröffnet hat, ergänzt: «Es ist ein bisschen wie vor einer Ladeneröffnung – nur dass es keine Party geben wird.» Julia Weinecker vom Schweizer Label Claudia Güdel mit Stores in Basel und Zürich freut sich zudem nicht nur auf den Austausch mit den Kunden, sondern ist auch dankbar: «Wir haben während den letzten zwei Monaten eine wohltuende Solidarität unserer Kundschaft erleben dürfen. Diese Corona-Pause hat viele Menschen zum Umdenken angeregt, und wir hoffen und wünschen uns, dass in Zukunft bewusster konsumiert wird.» 

An erster Stelle steht aber abgesehen von all der Freude auf die nächste Woche der Schutz und die Sicherheit von Mitarbeitenden und Kunden. So stellen nicht nur grosse Firmen wie PKZ oder Jelmoli Handschuhe, Desinfektionsmittel oder Masken für alle zur Verfügung, auch bei Gränicher in Luzern ist man vorbereitet: «Wir haben ein Schutzkonzept verfasst. Dies beinhaltet neben der Bereitstellung von Desinfektionsmitteln, Schutzmasken etc. auch persönliche Verhaltens- und Hygieneregeln für jeden Mitarbeitenden, insbesondere im Umgang mit Kunden», so Patrick Röllin, Einkäufer beim Luzerner Händler, «Wir sind sehr froh darüber, dass es keine Maskenpflicht in den Läden gibt. Dies wäre einerseits für die Psychologie des Kunden fatal, andererseits für uns im Verkauf eine grosse Herausforderung, um die Emotionen der Kunden zu erkennen.» Doch auch ohne Masken ist es für alle Beteiligten keine einfache Situation. Um sich richtig zu verhalten, müssen die eigenen Mitarbeitenden geschult und sensibilisiert werden, wer sich nicht wohl fühlt, wird beispielsweise bei Jelmoli nicht zur Arbeit auf der Fläche gezwungen. Bei Mode Herzog werden die Teams via Zoom-Meetings und Firmenchat auf die veränderten Umstände am Arbeitsplatz vorbereitet. Wichtig für die Befragten war in diesem Zusammenhang aber auch die Kommunikation sowie die Information der Stammkunden im Vorfeld. Kundenmailings, Newsletter und Social Media-Botschaften sollen dafür sorgen, dass mit sicherem Gefühl eingekauft werden kann.

Eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit stellt laut diversen Stimmen die persönliche Beratung mit einem Abstand von zwei Metern zum Kunden dar. Bei PKZ hat man ein Konzept für die  Warenpräsentation von Mitarbeitenden auf Tischen erarbeitet. Beim Kaufhaus Krone in Olten hat man sich ebenfalls einiges überlegt: «Aufgrund der beschränkten Kundenanzahl im Geschäft müssen wir Distanz halten, was wahrscheinlich gewöhnungsbedürftig sein wird. Neu arbeiten wir deshalb vermehrt mit Kundenterminen und bieten auch weiterhin Beratungen per Facetime an. Wir sind ein kleines Geschäft und können auf Sonderwünsche eingehen», so Lea Dätwyler, Mitinhaberin. Bei Claudia Güdel können ebenfalls Einzeltermine gebucht werden, dies sogar montags, wenn eigentlich geschlossen ist. Matthias Weber, Inhaber der Zooloose-Stores in Zürich und Basel kommentiert die Situation in seinen Geschäften wie folgt: «Obwohl wir mit etwas eingeschränkteren Öffnungszeiten und engerem Personalbestand arbeiten, werden der Service und das Angebot teilweise sogar ausgebaut. Für alle Kunden, die noch kein Vertrauen haben, den Weg in die Läden auf sich zu nehmen, stellen wir ein Sortiment zusammen und liefern dies zur Auswahl nach Hause.» Ähnlich klingt es bei Bütler Fashion in Liestal, die neben dem Traditionshaus mit Menswear seit kurzem ein Womenswear-Store betreiben: «Wir haben per Kundenmailing kommuniziert, dass das Einkaufen von Montag bis Freitag auf Anfrage nach Ladenschluss bis 22 Uhr möglich ist. Zudem bieten wir weiterhin Onlineberatung und virtuelles Einkaufen sowie einen gratis Lieferservice an», erklärt Geschäftsführer Fabrice Bütler. Vestita aus Burgdorf geht noch einen Schritt weiter und lässt die Kunden positive Botschaften verfassen, wofür sie für jede dieser Botschaften 10 Franken an eines von vier gemeinnützigen Projekten unter dem Motto «Freude machen. Solidarität leben.» spendet. Das ehrgeizige Ziel: 10’000 Franken. Es geht aber auch einfach und effektiv: Um von dem omnipräsenten Thema Corona abzulenken, plant man bei Mode Herzog laut Sebastian Herzog das Aufstellen von frischen Blumen überall im Geschäft – «Schliesslich ist es Frühling», so der Inhaber. Die Massnahmen des Handels machen also schnell klar, persönlicher Top-Service und kleine Goodies sollen die Kunden in Kauflaune bringen, die laut dem Handelsbarometer von GfK momentan auf einem historischen Tief ist.

In der Tat fehlen nach dem Frühjahrsputz, der neuen Schaufensterdekoration sowie einer frühlingshaften Warenpräsentation also nur noch Kunden, die Umsatz bringen und die Geschäfte endlich wieder in die Normalität zurückführen. Eine Normalität, die laut den meisten Befragten ohne Rabattschlacht erreicht werden soll. «Wir haben den Saisonstart quasi acht Wochen nach hinten verlegt und unter dem Motto «Der zweite Frühling» einzig unseren Gutschein verschickt, den alle Stammkunden jeweils Anfang Saison bekommen», so Fabrice Bütler. Weitere Rabattierungen seien vorerst nicht geplant. Matthias Weber ergänzt: «Wir planen auf keinen Fall Aktionen über den Preis! Zudem soll der Sommerausverkauf erst Mitte/Ende Juli starten.» Bei Mode Herzog klingt es ähnlich: «Wir starten ohne Sale und hoffen, dass möglichst viele Mitbewerber das auch so handhaben», erklärt Sebastian Herzog. Bei Loeb spricht man von 20 Prozent Rabatt auf Fashion-Artikel, Jelmoli will erst im Juni mit dem Ausverkauf starten, doch wie es bei Vertikalen und grossen Filialisten aussieht, weiss man zurzeit noch nicht. 

Die Chancen, dass zumindest ein namhafter Teil des Fachhandels ähnlich denkt wie Fabrice Bütler, Matthias Weber oder Sebastian Herzog ist dank dem Manifest «Zukunft Textilbranche Schweiz» (die textilrevue berichtete) gegeben. «Wir haben ganz bewusst das Manifest des Textilverbandes unterzeichnet, bei dem es um Saisongerechtigkeit, Ausverkauf, Einkaufstermine und Wertigkeit geht», erklärt Patrick Röllin von Gränicher. Nun müssen die Kunden aber ab Montag erst mal den Weg in die Stores finden. «Ist die Kauflust wieder da? Sind die Kunden noch vorsichtig und meiden den stationären Handel? Werden wir überrannt?», Fragen wie sie Sven Oesch, Marketing Loeb, formuliert und wohl auch andere beschäftigen, können dann endlich – hoffentlich positiv – beantwortet werden.

Der Swiss Council of Shopping Places stellt netterweise «Das Musterhandbuch mit Hygiene- und Schutzmassnahmen des German Council of Shopping Places» zum freien Download zur Verfügung. Hier herunterladen.

 

Christina Noli