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Business
20.09.2021

Porträt SwissFlax

Langsam und lokal statt schnell und günstig

Sieben Hektaren Flachs und eine in Vergessenheit geratene heimische Faserpflanze: Seit einigen Jahren mischt das Start-up SwissFlax in der Schweizer Textilindustrie mit. Wir haben uns Anbau, Verarbeitung und Endprodukt angeschaut und mit Geschäftsführer Dominik Füglistaller über Aufklärungsarbeit, das Produktionsland Schweiz und die neue Anbaufläche hinter dem Zentrum Paul Klee gesprochen.

Als Shirt von Erfolg oder als Strickpullover von Aws Twentyfourseven. Als Vorhang von Creation Baumann oder Schwinghose von Königliches – der Emmentaler Flachs von SwissFlax hat nach seiner Verarbeitung viele Gesichter. Dominik Füglistaller, Co Geschäftsführer des 2014 gegründeten Schweizer Start-ups, das konsequent die Vision verfolgt, die ≪Wertschöpfungskette für Schweizer Flachs wieder aufzubauen und industriell zu betreiben≫, setzt sich mit viel Herzblut dafür ein, dass das geschichtsträchtige Naturmaterial in der Schweiz wieder fest in der Textilindustrie verankert wird. Denn das war die blaublühende Pflanze einst, bevor es ab Ende der 1960er-Jahre (1968 fand der letzte internationale Leinenkongress in Interlaken statt) mangels Nachfrage nach Naturmaterialien ruhig wurde um die wertvolle Naturfaser. In den letzten Jahren zeichnet sich allerdings eine langsame Trendwende ab; natürliche Fasern wie Baumwolle, Leinen oder Hanf erfreuen sich wieder grosser Beliebtheit, und im Zuge eines bewussteren Konsums wünschen sich auch immer mehr KundInnen Produkte aus lokaler Produktion. ≪Wir sind sehr froh über diese Entwicklung, aber es braucht noch viel Aufklarungsarbeit, um den EndkonsumentInnen klarzumachen, wieso es gerechtfertigt ist, dass ein Pullover 200 Franken kostet≫, erklärt Dominik Füglistaller, der eigentlich durch puren Zufall in der Textilbranche gelandet ist. Bereits von Anfang an begleitete der diplomierte Agronom SwissFlax mit seinem Fachwissen, forschte während dreier Jahre nach dem besten für den Anbau im Emmental geeigneten Flachs und stieg 2018 selbst in die Firma ein. ≪Ich finde die Schnittstelle von landwirtschaftlicher Produktion, die auf eine Industrie trifft, extrem spannend≫, so der Fachmann über seine Aufgabe.

Herausforderungen bei der Verarbeitung von Flachs

Auch wenn die Pflanze bezüglich des Wasserverbrauchs die Nase Baumwolle gegenüber vorn hat, so ist der Verarbeitungsprozess von Flachs aufwendiger als beispielsweise bei Baumwolle, und es braucht neben speziellen Maschinen viel Fachwissen über die einzelnen Verarbeitungsprozesse entlang der Wertschöpfungskette. Global macht die Naturfaser heute rund 1 bis 2 Prozent der Faserproduktion aus, was einer Anbauflache von ungefähr 120 000 Hektaren entspricht – die Tendenz ist steigend. Laut Füglistaller ist allerdings ein grosser Teil des einstigen Schweizer Know-hows für die Flachsverarbeitung ins Ausland abgewandert ‒ oder schlicht nicht mehr vorhanden. Hauptlieferant ist mit 80 Prozent Europa, genauer Frankreich, Belgien und Holland. Da in diesen drei Landern heute lediglich noch eine Handvoll Nassspinnereien betrieben werden, ist China Hauptabnehmer des europäischen Flaches weshalb rund 80 Prozent nach Fernost verschifft wird, um dort versponnen zu werden, bevor dieser als fertiges Textil zurück nach Europa kommt.

Die Konsequenz: Auch der Schweizer Flachs kann nicht zu 100 Prozent in der Schweiz verarbeitet werden, da laut Füglistaller für den Prozess des Brechens in der Schweiz keine Möglichkeit gegeben ist. Die nach ihrer Aussaat im April während rund 50 Sonnenstunden gewachsenen Flachspflanzen werden zuerst mitsamt Wurzeln ausgezupft und für die Röste auf dem Feld bereitgelegt, bei der die Klebesubstanz zwischen Fasern und Holzteil entfernt wird. Danach werden die in runde Ballen gepressten Fasern nach Holland transportiert, um sie dort zu brechen. Der Prozess des Brechens, bei dem der hölzerne Stängel zerkleinert, von der Faser getrennt und ausgebürstet wird, sei für den Profi in Holland keine grosse Sache, aber eben: Auf Maschinen und Wissen müssen die Schweizer zurzeit im Ausland zurückgreifen.

Ambitioniert und visionär in die Zukunft

Im Gespräch Mitte Juni will sich Dominik Füglistaller auf keinen Fall dem Corona-Blues hingeben, sondern hofft sogar, dass 2021 «ein Game-Changing-Jahr» für SwissFlax wird. Spannende Projekte und Kollaborationen mit Bernina, Swiss Silk, der STF Schweizerischen Textilfachschule oder Jelmoli sind in der Pipeline. Doch die letzten Monate waren alles andere als einfach, denn im Herbst 2020 ist der SwissFlax Mitgründer Hans Haslebacher überraschend gestorben. «Es war für uns eine schwierige Zeit, obwohl wir 2020 finanziell an 2019 anknüpfen konnten, fehlte es plötzlich an allen Ecken und Enden an Manpower», so Füglistaller. Umso erfreuter ist er, dass im ehemaligen Swatch-Group-Manager Beat Aebi ein würdiger Ersatz gefunden werden konnte. Die Firma will sich nun neu aufstellen und expandieren. Denn gesundes und kontinuierliches Wachstum, so scheint es, ist für SwissFlax nicht nur auf dem Feld der einzige richtige Weg – obwohl gerade aus Branchenkreisen zu Beginn diverse kritische Stimmen bezüglich der Idee zu hören waren. Doch aus der 1 Hektare zur Gründung 2014 sind mittlerweile 7,5 bewirtschaftete Hektaren geworden. Das entspricht einer jährlichen Ernte von rund 3,5 bis 4,5 Tonnen Garn. Jüngster Zuwachs ist eine Fläche hinter dem Zentrum Paul Klee in Bern, wo aufgrund der Nähe zur Stadt direkt mit den KonsumentInnen in Kontakt getreten werden kann, um aufzuzeigen, was 100 Prozent Schweizer Anbau bedeutet.

Auch abseits vom Feld kann SwissFlax bereits einige Meilensteine vorweisen: die Prämierung mit dem Design Preis Schweiz 2019 beispielsweise, die der Firma dank der medialen Präsenz viel Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit verlieh. Dieses Jahr ist das Unternehmen zudem für den Green Business Award nominiert. Aber auch die Schwingerhose von Königliches ist eine vielversprechende Geschichte, und das im Herbst startende Projekt mit Bernina soll laut Füglistaller den Weg in den Fachhandel, wo Meterware verkauft wird, ebnen. «Wir merken, dass sich im Moment einiges tut», sagt Füglistaller, «wir haben immer mehr Anfragen von Marken – kleinen wie grösseren.» Doch alles braucht seine Zeit, denn die Vorlaufzeit von SwissFlax beträgt ein Jahr. Um etwas flexibler reagieren zu können, wird im Moment in mehrere Garn- sowie Rohmateriallager investiert. Und Füglistaller hofft auf noch mehr verlässliche − und vor allem langjährige − PartnerInnen, um mehr Planungssicherheit zu haben. «Ansagen wie jene von Rolf Traxler mit seinem Label Erfolg, der von Anfang an sagte, sobald wir Garn hätten, sei er dabei, ist natürlich das, was wir uns wünschen», so der Agronom.

Kooperationen, gemeinsame Projekte, Know-how-Austausch – Füglistaller gehört einer neuen Generation von Schweizer Textilern an, die Neues ausprobieren und vor allem gemeinsam mit anderen die hiesige Textilindustrie wieder in neue Höhen bringen möchten. Und dabei wird so viel wie möglich auf lokale Produktion gesetzt, wie Füglistaller betont: «Es ist am teuersten, aber auch am einfachsten.» Dabei will sich das Start-up nicht nur auf einen Bereich fokussieren, sondern sich breit aufstellen und mit möglichst vielen aus der Branche zusammenarbeiten: Stoffentwicklung mit Création Baumann, Mischmaterialien mit Remei oder Swiss Silk, Kollektionserstellungen mit der STF, Retailerfahrungen sammeln mit Jelmoli oder Kampagnen mit Bernina – Dominik Füglistaller sieht die Wichtigkeit von Networking in einer stark segmentierten Industrie und ist überzeugt, dass man gemeinsam am besten vorwärtskommt und ist auch bereit, sein erworbenes Wissen mit andern zu teilen. Gleichzeitig hofft er, dass neben Flachs- auch der Hanf- oder Nesselanbau hierzulande über kurz oder lang wieder Fuss fasst. «Der Flachsanbau ist eine absolute Bereicherung für die Schweizer Landwirtschaft, die Biodiversität und die Tierwelt», ist der Agronom überzeugt und hofft auf Interesse sowie mehr Anbauregionen. «Von der Handweberin über den Landwirt bis zum Industriellen – wir brauchen alle.»

swissflax.ch

Von Christina Noli