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Business
18.11.2020

Strategie

Die Zukunft hängt an uns

Auf Basis eines fundierten Kriterienkatalogs unterstützt Oeko-Tex Unternehmen in ihrer humanökologischen Produktsicherheit und zertifiziert unbedenklich und sozial verantwortlich hergestellte Textilien und Leder. Jetzt mehr denn je.

«Ich arbeite im Bereich der Nachhaltigkeit seit über 25 Jahren. Prozessorientierter Umweltschutz hiess das früher», erzählt Georg Dieners, «Oeko-Tex Standard 1000 für umweltfreundliche Betriebe gab es schon Mitte der 1990er-Jahre. Das war damals aber nicht erfolgreich, weil gesellschaftlich kein relevantes Thema dargestellt und damit das Produkt zu früh eingeführt wurde. Während 15 Jahren passierte kaum etwas. Nun beschäftigen sich viele mit Nachhaltigkeit.» Der Generalsekretär verteidigt unermüdlich die Wichtigkeit der Zertifikate für schadstoffgeprüfte und nachhaltig produzierte Textilien und Leder, für transparente Lieferketten, «Jemand, der in der Textilbranche erfolgreich sein will, muss einfach Passion mitbringen», meint er dazu.

Orientierung für Nachhaltigkeitsstrukturen in Unternehmen

Kosten für Oeko-Tex-Zertifikate setzen sich zusammen aus Prüf-, Zertifizierungs- und Auditkosten. Wobei ein weisses Hemd einen anderen Prüfaufwand bedeutet, als zum Beispiel ein gefärbtes. Kleine Labels stehen vor der Herausforderung, dass die Prüfung entsprechend geringerer Mengen verhältnismässig aufwendiger ist. Optimalerweise orientieren sie sich bei der Materialbeschaffung an den Grossen. Denn jene ist der wesentliche Aspekt: Partner aussuchen, die Zertifikate haben oder deren Waren geprüft sind, und die valide Nachweise bringen. «Was ich weitergeben möchte, ist das Thema Transparenz. Oeko-Tex ist mehr als ein Standard Geber: Wir bieten im Sinne des Kommunikationsauftrags gute Tools zur Beurteilung der Nachhaltigkeit und zur Prozessoptimierung.» In der Krise ist Oeko-Tex stark geblieben – und solidarisch. Bei der durch die Pandemie angestiegene Maskenproduktion hat sich das Unternehmen entschlossen, ab April 2020 auf die Zertifikationsgebühren zu verzichten. Bis Ende Juli wurden global bereits circa 150 «Standard 100»-Zertifikate für Masken ausgestellt. Leider hat sich aber gezeigt, dass Zertifikate missbräuchlich eingesetzt wurden, insbesondere bei der Maskenproduktion. «Schade, ist der Mensch so gestrickt», kommentiert Dieners, bevor er bestimmt weiterführt: «Wir müssen gegen alle diese falschen Zertifikate Aufklärungsarbeit leisten. Das ist schwierig, weil es sehr technisch ist. Es ist aber wichtig, dass der Kunde versteht, was genau Oeko-Tex prüft. Jedes der circa 50 validen Labels, Standards oder Zertifikate hat seine Aufgabe und Berechtigung, von der fair und sozialverträglichen Arbeit bis zur transparenten Gestaltung der Lieferkette. Wir haben im letzten Jahr die Orientierung der Endverbraucher mit einer weniger technologisch gestalteten Webseite vereinfacht. Darauf gibt es für die Industrie einen Einkaufsführer mit Listen und Namen für Supplier. Aber auch Endverbrauchende können mit unserem Label- Check die Gültigkeit des Labels anhand einer Nummer oder eines QR-Codes prüfen und gleichzeitig die gesamte Lieferkette des Produkts verfolgen.»

Zum Lieferkettengesetz meint Dieners: «Ich bin unpolitisch und entstamme der Wirtschaft. Ob Politik oder Privatperson, es sollte so ein Gesetz gar nicht geben, denn wir tragen alle die Verantwortung. Wir alle sind der ‹man in the mirror›, bei sozialen wie auch bei Umweltaspekten. Es ist nur die Anwendung dessen, was normal ist. Nur wird es nicht angewendet.»

Das Dilemma der Materialwahl

Und nicht alle Anwendungen sind transparent, als Beispiel die Biobaumwolle. Erste Kontroverse: Es wird mit einer grossen Differenz mehr Biobaumwolle verkauft, als angebaut wird. Und als zweite: Unterzieht man die Faserherstellung dem Wasservergleich, ist Polyester auf der besseren Seite als Biobaumwolle, beim CO2-Vergleich ist es aber genau umgekehrt. Bei Baumwolle bezieht sich der Wasserverbrauch besonders auf den Anbau. Unterschiedliche Aspekte bringen entsprechend unterschiedliche Resultate. «Schlussendlich geht es darum, dass der Endverbrauchende orientiert und informiert einkaufen kann. Wir brauchen Wolle und Synthetik, aber wie gehen wir damit um? Fragen Sie mich, ob ich mit dem Einkauf eines Biobaumwollshirts etwas Gutes tue, sage ich ‹nein›. Da ist der Wasserverbrauch zu hoch. Und der CO2-Abdruck eines Nicht-Bio-Shirts ist nach der Produktion am höchsten, inklusive waschen und bügeln. Sprich, Lieferung und Gebrauch insgesamt haben einen kleineren CO2-Abdruck», beschreibt Dieners das Dilemma.

Seit zwei Jahren zertifiziert Oeko-Tex auch Lederartikel. «Global gesehen steht Leder stark im Fokus, weil es leider keine sehr saubere Industrie ist. Wie in der Textilindustrie wird auch bei der Produktion von Leder viel mit Wasser und Chemie gearbeitet. Daher besteht die Notwendigkeit, einheitliche Standards zur Verbesserung der Prozesse zu diskutieren und anzubieten», erklärt Dieners und fährt fort, «Wir haben ein skalierbares Instrument geschaffen, um eine Reduzierung des Verbrauchs von Wasser und Chemikalien zu erreichen.» Ebenfalls seit zwei Jahren kann im Labor festgestellt werden, ob es sich um biologisch angebaute oder um genmanipulierte Baumwolle handelt. «Das geht momentan nur qualitativ, aber wir sind auf dem Weg dazu, dies auch quantitativ zu lösen», ist Dieners sicher und schliesst: «Die Zukunft hängt an uns Endverbrauchenden. Es braucht mehr Transparenz, damit wir Konsumentinnen und Konsumenten eine informierte und bewusste Kaufentscheidung treffen können.»

Noémie Schwaller