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Die Schweizer Fachzeitschrift für die Textil - und Modebranche
Business
27.05.2020

Wo soll nun produziert werden?

Die Diversifizierung der Lieferkette als langfristiges Ziel

In vielerlei Hinsicht war der Aufstieg des modernen China eine Verbildlichung der Globalisierung. Aber «als Weltmacht ist China viel zu plump», schreibt Gordana Mijuk in der «NZZ am Sonntag». Eine Weltmacht brauche mehr als hohe Wachstumsraten und Militätbudgets, wichtig ist auch Softpower, also die Ausstrahlung und Attraktivität eines Landes. Doch Chinas Ruf hat gelitten. Etliche Firmen hätten grösste Probleme, Spezialisten zu rekrutieren, die bereit seien, in China zu arbeiten, bestätigt der Präsident der europäischen Handelskammer in Peking, Jörg Wuttke. Heute, da sich die Länder zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie nach innen orientieren, wird die Vorstellung einer komplexen Lieferkette oder einer, die sich auf einen einzigen fernen Markt stützt, von vielen als unhaltbares Risiko gesehen. Chinas Platz in der Lieferkette wird neu geprüft.

Covid-19 hat ein Schlaglicht auf die kostspielige Ineffizienz und Unflexibilität der Bekleidungslieferkette geworfen. Nachdem die USA im vergangenen Jahr damit gedroht hatten, Zölle auf in China hergestellte Kleidung und Accessoires zu erheben, verstärkten viele Einzelhändler ihre Bemühungen, Herstellungsmöglichkeiten ausserhalb Chinas zu erkunden. Das Coronavirus wird diese Pläne wahrscheinlich beschleunigen. Die globale Modeindustrie hat in der Tat einen Grossteil des letzten Jahrzehnts damit verbracht, mit der chinesischen Fertigung zu brechen, um dieser gefährlichen Co-Abhängigkeit zu entkommen. Nach Angaben des US-Handelsministeriums sind Importe in die USA aus Vietnam und Kambodscha im vergangenen Jahr um 11 Prozent gestiegen. Trotzdem bleibt China ein verlockendes Kraftzentrum mit einer Fertigungsinfrastruktur und attraktiven Lieferketten-Assets, schreibt Busines of Fashion (BOF). Rohstoffe, Besätze, Reissverschlüsse und vieles mehr wird nach wie vor aus China bezogen – auch für Produktionen in anderen Ländern wie Indien. Die Coronavirus-Pandemie hat deutlich gemacht, wie abhängig die Welt bei lebenswichtigen Gliedern der Versorgungskette von China ist, insbesondere bei Medikamenten und persönlicher Schutzausrüstung. Während es bei der Verlagerung der Produktion aus China weitgehend um steigende Kosten ging und die hauchdünnen Margen der Massenproduktion von Bekleidung diese zu einer unhaltbaren Wahl machen, war der Trend auch ein Versuch der Diversifizierung, um künftige Risiken zu mindern.

Networking-Veranstaltungen und Messen wären Anhaltspunkte für Marken, um neue Lieferanten zu finden. Sie könnten auch die lokale Fertigung in Betracht ziehen, die wahrscheinlich teurer ist, aber flexiblere Vorlaufzeiten und agilere Entscheidungen im Bestandsmanagement ermöglicht. Ein Umzug ist für grössere, flexible Einzelhändler einfacher als für kleinere, aber je nach Produktkategorie könnten sich alternative Bezugsquellen rentieren. Besonders gefährdet sind Einzelhändler, die auf chinesische Verbraucher angewiesen sind. Die Umsatzeinbussen durch den Coronavirus – durch die Proteste in Hongkong verstärkt – bedeuten erhebliche Einbussen der Einnahmen internationaler Marken. Um weitere Verluste einzudämmen, müssen diese ihre Lagerbestände entsprechend anpassen, um Überschussprodukte am Ende der Saison zu vermeiden. Kering zum Besispiel stellt seine Aktivitäten in China ein und verschiebt die Eröffnung neuer Geschäfte und Werbekampagnen. 

 

Auswirkungen auf die Produktionsländer

Doch was bedeutet dies für die Produktionsstätten? «Es ist im Moment ein Blutbad», sagte Sanjeev Bahl, Gründer des in Vietnam ansässigen Denim-Herstellers Saitex, «die Käufergemeinschaft nimmt die Lieferkette als selbstverständlich hin und verursacht langfristige Kollateralschäden.» Die Unterbrechung der Nachfrage, die durch Einzelhandelsschliessungen rund um den Globus verursacht wurde, hat viele grosse Modemarken dazu veranlasst, Bestellungen in Höhe von rund 6 Milliarden Dollar allein in Bangladesch zu stornieren, so der Verband der Bekleidungshersteller und -exporteure Bangladeschs (BGMEA) und sein Strickwaren-Gegenstücksverband BKMEA. In der Zwischenzeit liegen die Bestände der laufenden Saison in Geschäften, Lagern und Vertriebszentren brach. Darüber hinaus verzögern die Fabriken in Bangladesch die Gehaltszahlungen aus diversen Gründen, u.a. wegen Auftragsstornierungen, mangelnder Markenbindung hinsichtlich künftiger Bestellungen, vorgeschlagener Rabatte auf Produkte und geforderter Zahlungsverzögerungen. Ohne die Unterstützung von Bekleidungsmarken laufen die Beschäftigten Gefahr, ihre Aprilgehälter zu verlieren. «Die Folgen, die sich ergeben, wenn Wettbewerbsfähigkeit und Profit über die Gesundheit der Arbeitnehmenden gestellt werden, sind zu gravierend. Wenn ihre Gesundheit und Sicherheit nicht geschützt werden, wird es keine Industrie mehr geben, über die man sprechen könnte», so die Gewerkschafterin Nazma Akter gegenüber Fairwear.

Bessere Erfahrungen machte Laend Phuengkit, Gründer der Produktionsstätte Studio2524 in Bangkok: «Wir bekommen seit Mitte März eine erhöhte Anzahl an Anfragen, insbesondere aus den asiatischen Hauptzentren Shanghai, Hong Kong und Singapur. Es sind Unternehmen, die sich nach längerfristigen Alternativen für ihre chinesischen Produktionsstätten umsehen. Nur ein Label wollte bloss vorübergehend bei uns produzieren. Die Verantwortliche kam aus Singapur und konnte nicht nach China einreisen, aber nach Thailand schon. Als zwei von useren zwölf Näherinnen krank wurden, und demnach die Produktionen langsamer vorankamen, zeigten die Kunden viel Verständnis. Sie merkten, dass sie nicht noch mehr Zeitdruck auf uns ausüben konnten. Es nimmt mich wunder, wie es mit der gesamten Modeindustrie weitergeht.»

Beschaffungsexperten raten, dass Marken ihre Einkaufspraktiken sorgfältig prüfen und sich gemeinsam bemühen sollten, so fair wie möglich zu sein. Wichtig werden auch enge Partnerschaften mit Zulieferern sein, die es den Unternehmen ermöglichen, wirklich zu verstehen, wie Hersteller und Mitarbeitende betroffen sein könnten, sowie jegliche Unterstützung, die die lokalen Regierungen auf den Weg bringen. Einige Marken beginnen bereits zu handeln. So hat sich L'Oréal beispielsweise verpflichtet, die Zahlungsfristen für Zulieferer kleiner Unternehmen zu verkürzen, die von der durch die Pandemie verursachten Wirtschaftskrise am stärksten betroffen sind.

 

Oder doch China?

Yossi Nasser, Chief Executive of Leading Intimates Manufacturing Supplier, Gelmart International, erklärt gegenüber BOF: «Die Flexibilität der Lieferkette zu haben, um jetzt nach China umzusiedeln, während Bangladesch und Indien einen Lockdown erleben, ist der Schlüssel. In naher Zukunft wird es dieses Element des Reshoring nach China geben, aber Marken wollen nicht von der Situation überrascht werden, mit der viele Unternehmen gerade im Rahmen des Handelskriegs zwischen den USA und China konfrontiert waren, wo ein Zoll auf ihr Produkt (nur) 30 Tage im Voraus erhoben werden kann. Wenn sie jetzt einen Teil der Lieferkette strategisch zurück nach China verlagern, dann sollten sie es nicht zu einem aggressiven Schritt machen, der von Graben zu Graben führt. Vielleicht zentralisieren sie die meisten Operationen dort und nutzen dann diversifizierte Quellen für Nähen und Schneiden, so dass sie bei einer Unterbrechung der Lieferkette in der Lage sind, eine Produktionsquelle flexibel und schnell zu erweitern und eine andere weniger stark zu betonen». John Evan, Geschäftsführer von Tractus Asia, einer Beratungsfirma für Strategie- und Betriebsmanagement, relativiert: «Ich denke, es wird weiterhin Unternehmen geben, die in China für China produzieren und dann den Lagerabbau in ihre eigenen Länder zurückverlagern, insbesondere für Mode und Bekleidung. Die andere Sache, die von Covid-19 hervorgehoben wurde, ist die Schwierigkeit, zu viele Eier in einem Korb zu haben. Die Risikominderung (…) hat sich zur Hauptsorge entwickelt».

Ineterssant ist auch das Statement von Anson Zhou, Consultant für Beschaffung und Supply Chain Management für Kunden wie Macy's, JC Penney und Tommy Hilfiger auf BOF: «Die meisten Einzelhändler und Marken sind sich über die Marktsituation unsicher, aber offensichtlich wird der Auftragsumfang im Vergleich zum letzten Jahr viel geringer sein. Die beste Strategie ist es, einige kleine Bestellungen auszuprobieren und die Produkte auf den Markt zu bringen, um die Reaktion zu sehen und eine schnelle Entscheidung über eine Nachbestellung zu treffen. Das bedeutet, dass sie eine schnellere Geschwindigkeit in ihrem Lieferkettenmanagement benötigen. Südostasien, Bangladesch oder Myanmar konzentrieren sich auf riesige Mengen und lange Lieferzeiten. Wenn wir uns auf eine schnelle Lieferung in 45 Tagen, ja sogar in 25 Tagen konzentrieren, macht das China zum Big Player, internationale Marken werden sich also nach China umsehen müssen, weil sie darin führend sind».

In China ist die Infrastruktur vorhanden und die Produktionen laufen. Für einige ist dies Grund genug, dort zu bleiben. Ein Growth Mindset aber versteht Wandel als Chance, und erkennt, dass die Diversifizierung der Lieferketten und Produktionsstätten ein langfristiges Ziel sein sollte.

 

Was Marken jetzt tun können

Da sich mitten in der Pandemie so vieles im Fluss befindet, ist es noch zu früh, um vorauszusagen, wie sich die Lieferkette der Modebranche nach dem Coronavirus verändern wird. Da Chinas Wirtschaft nach Angaben der Welthandelsorganisation ein Drittel der weltweiten Bekleidungsindustrie produziert, müssen sich Marken auf Liefer- und Produktionsverzögerungen einstellen und ein Mikroumfeld schaffen. Selbst wenn die Fabriken wieder in Betrieb sind, erweist sich der Transport von Waren aus China als eine weitere Hürde, da Containerschiffe und Luftfrachtlinien mit reduzierter Kapazität arbeiten. Lagerbestände könnten ausgehen. Marken müssen daher in engem Kontakt mit ihren Lieferanten stehen. «Wenn Sie nicht täglich auf dem Laufenden gehalten werden, müssen Sie es wirklich fordern», so Brian Bourke, Vizepräsident Marketing bei Seko.

Es empfiehlt sich also, weit im Voraus zu buchen. Der Flugverkehr aus China ist durch Quarantänemassnahmen und Reisebeschränkungen stark eingeschränkt. United Parcel Service hat die Flüge nach China reduziert, während kommerzielle Fluggesellschaften, die Fracht zusammen mit Passagieren befördern, ebenfalls Kürzungen vorgenommen haben. Auf einigen Flugrouten sind die Raten um bis zu 300 Prozent gestiegen, sagte Bourke, und Rückstände könnten sich schnell bilden, wenn die Fabriken ihre Produktion hochfahren. Eine weitere Möglichkeit ist der beschleunigte Seetransport, wobei einige Routen die Reise von Shanghai nach Los Angeles auf nur 12 Tage verkürzen. Die Sendungen können auch zu anderen Häfen in Asien oder im Nahen Osten weitergeleitet und dann auf dem Luftweg auf den restlichen Weg geschickt werden. Würde man sich nicht besser auf Nachhaltigkeit besinnen, mit der man zwar Verzögerung in Kauf nimmt, dafür aber geringere Kosten hat? Dabei ist von entscheidender Bedeutung, dass Kunden und Handelspartner wissen, wann mit Verzögerungen zu rechnen ist. Es gilt, die Kunden zu erreichen, bevor die Beschwerden kommen. 

Ein Interessanter Ansatz entwickeln die beiden MBA-Kandidatinnen an der Stanford Graduate School of Business, Becca O'Leary und Maxine Lim. Könnte ein Marktplatz die Herausforderungen der Lieferkette für Mode lösen? Eine globale Beschaffungsplattform könnte bei der Lösung dieser Probleme helfen, argumentieren die Studentinnen. Ein Mangel an Transparenz macht es grossen und kleinen Marken schwer, Fabriken zu finden. Diese wiederum konzentrieren sich so sehr auf die Herstellung von Produkten mit niedrigen Margen, dass sie keine Bandbreite haben, um sich selbst an ein neues Publikum zu vermarkten. Der Effekt ist zirkulär: Marken und Zwischenhändler halten die Fabriken im Verborgenen, und ohne die Bandbreite, um selbst neue Geschäfte zu finden und zu prüfen, verlassen sich die Fabriken weiterhin auf persönliche Empfehlungen für die Arbeit. Es gibt einen Graben um die Bekleidungsherstellung, die von Verbindungen, Zwischenhändlern und Insiderwissen abhängig ist. Ein Marktplatz könnte den Bedarf an Zwischenhändlern beseitigen und die Fähigkeit und Verfügbarkeit von Fabriken transparent machen, argumentieren O'Leary und Lim. Die Fabriken hätten einen zuverlässigen und unvoreingenommenen Motor, um neue Kunden zu gewinnen und Überkapazitäten zu füllen. Marken könnten leichter Leads für neue Produkte und höhere Kapazitäten beschaffen, was zu einer flexibleren Lieferkette führen würde. Die globale Versorgungskette würde sich angesichts einer massiven Unterbrechung biegen, nicht brechen: Sobald ein Land schliesst, würde sich die Nachfrage über geografische Regionen hinweg ausgleichen. 

Solche innovativen Ideen sind nun gefragt – und den Mut, diese umzusetzen. Es geht darum, auf das Beste zu hoffen, sich aber auf das Schlimmste vorzubereiten. 

Der Beitrag ist gestützt auf und zitiert hauptsächlich aus Artikeln von BOF.

NoéMie Schwaller