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Business
10.11.2020

Branchenstimmen: Kathrin und Simone Baumberger

Die St. Galler Schwestern Kathrin und Simone Baumberger sind in der Schweizer Showszene für ihre kreativen Produktionen bekannt – während eine Schwester die Kostüme designt und produziert, kümmert sich die andere um alle Arbeiten rund ums Bühnenbild. Mit der Wiederaufnahme des im März unterbrochenen Familienmusicals «Der Löwe, der nicht schreiben konnte» schöpften die kreativen Schwestern nach einer schwierigen Zeit neuen Mut – dementsprechend gross war die Enttäuschung kürzlich nach endgültiger Absage des Stücks. Trotzdem sind die begabten Frauen voller Tatendrang.

Wie kam es dazu, dass Sie zusammen in der Theaterwelt arbeiten? Kommen Sie beide aus dieser Branche?

Kathrin Baumberger: Es war für mich eigentlich schnell klar, dass es mich ins Theater verschlagen wird. Es inspiriert mich, in einem Team mit Regie, Bühnenbild und Licht zu arbeiten und Schauspieler/innen einzukleiden, sie durch meine Kostüme in ihrer Rolle zu unterstützen.  Ich habe eine Bekleidungsgestalter-Ausbildung in einem privaten Atelier in St. Gallen absolviert und danach vier Jahre Modedesign FH an der Schule für Gestaltung und Kunst (heutige Zhdk) studiert. Einige Jahre später bildete ich mich weiter zum Techniker HF in Fachrichtung Schnitttechnik in einem dreijährigen berufsbegleitenden Studium an der Schweizerischen Textilfachschule in Zürich.
Die Projektarbeit mit meiner Schwester wird nie langweilig. Da sie in St. Gallen Dekorationsgestaltung gelernt und in London Bühnenbild studiert hat, war es naheliegend, zusammen zu arbeiten. Wir sind ein tolles Team und es macht riesig Spass. Und das seit fast 20 Jahren! Wir teilen uns auch das Atelier, was wiederum die Zusammenarbeit vereinfacht. Bühnenbilder liegen herum, Skizzen sind aufgehängt – dies alles beeinflusst mich in meiner Kostümarbeit. Und umgekehrt natürlich auch.

Simone Baumberger: Das Arbeiten mit verschiedenen Materialien, Farben und Formen hat mich schon immer fasziniert. Ausserdem liebe ich es, Geschichten in meinem Kopf zu kreieren, ich lese leidenschaftlich gerne. Mit meiner Schwester habe ich den idealen Sparringspartner und die Ergänzung zu meinem Bühnenbild in Form von Kostümen. Wir haben eine ähnliche Ästhetik und so ist das Resultat am Schluss meistens sehr abgestimmt.  Der Austausch ist immer direkt und ehrlich, zielgerichtet und konstruktiv.

Mit dem Ausbruch der Pandemie mussten auch die Theater ihre Türen schliessen. Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag dadurch verändert?


Kathrin Baumberger: All meine Aufträge bis Ende 2020 wurden im Verlauf der Monate abgesagt. Es wäre ein sehr gutes Jahr gewesen, ich war bis Ende Jahr ausgebucht. Im März, als der Lockdown kam, war ich für das Welttheater Einsiedeln tätig. Wir haben alles gestoppt und ich bin wieder zurück in mein Atelier nach Zürich gezogen. Während des Lockdowns haben sich meine Schwester und ich jeden Tag im Atelier getroffen und haben an Projekten für das Jahr 2021 gearbeitet. Im Moment werden wir nun leider wieder ausgebremst, da die 50 Personen Grenze in den Theatern unsere zwei aktuellen Projekte in Frage stellt. Unser grossartiges Kindermusical «Der Löwe, der nicht schreiben konnte» im Bernhard Theater, hätte die Wiederaufnahme gefeiert. Das bricht uns das Herz, da wir bereits im Frühling nach nur drei Aufführungen durch das Coronavirus gestoppt wurden. Die andere Produktion, in der wir auch beide zusammenarbeiten, ist «ÖV», ein Theaterstück von Franz Hohler. Dies ist die erste Eigenproduktion vom Bernhard Theater. Darauf freuen wir uns sehr.

Simone Baumberger: Ich habe während dem Lockdown an den Bühnenbildern für den Herbst weitergearbeitet. Dann kamen auch bei mir nach und nach die Absagen. Auch ich hatte eigentlich das Jahr soweit ausgebucht. Anfang Jahr hatte ich meine 80 Prozent Festanstellung aufgegeben, mit der Absicht, voll auf meine Leidenschaft, das Theater, zu setzen. Zum Glück haben Kathrin und ich ein grosses Atelier, welches wir mit anderen Personen teilen. Somit konnten wir uns in einem sicheren Abstand bewegen und weiterarbeiten.
Denn auch wenn die Theater geschlossen sind, gibt es immer etwas zu forschen, nachzulesen, zu zeichnen, endlich aufzuräumen oder auch einfach mal an neuen Projekten herum zu studieren. Dass das Löwen-Musical nun nicht auf die Bühne kommt, schmerzt sehr. Ich hoffe jedoch, dass wenigstens die Eigenproduktion des Bernhard Theaters gespielt werden kann. Dafür sind aber auch Zuschauer notwendig. Denn ohne Zuschauer kein Theater.

Wurde in den Ateliers in St. Gallen und Zürich umdisponiert?

Kathrin Baumberger: In unserem anderen Atelier in St. Gallen hat unser Team begonnen, Masken zu produzieren. Das Baumwoll-Lager wurde zuerst aufgebraucht. Da die Nachfrage sich erhöhte und wir massgeblich überrannt wurden, wussten wir, dass wir in grösseren Mengen denken mussten. Meine Geschäftspartnerin Karin Bischoff hat eine Maske für die Stickmaschine entwickelt, worauf wir nun grosse Mengen für den eigenen Shop sowie auch grosse Unternehmen produzieren können. Dies hat nun unsere Arbeitsplätze der sieben Teilzeit- Angestellten gerettet. Fast alle Privataufträge wie Herrenanzüge- und Hemden, Hochzeitskleider sowie Couture-Aufträge sind im Moment weggebrochen. Durch das Homeoffice hat sich das Verhalten bezüglich Bekleidung stark verändert.

Simone Baumberger: Zum Glück bin ich sehr gut vernetzt und konnte so zuerst als Freelancer wieder in meinem erlernten Beruf arbeiten. Nun habe ich eine prozentuale Festanstellung angenommen, damit ich finanziell über die Runden komme.

Waren beide Ateliers vorher komplett der Theaterproduktion verschrieben?

Kathrin Baumberger: Das Atelier in St. Gallen fertigt vor allem Einzelanfertigungen für Damen und Herren an, wie z.B. Hochzeitskleider, Abendkleider, etc., sowie Massanzüge und Masshemden für Herren. Das Atelier in Zürich ist ein Theateratelier. Hier arbeite ich vorwiegend an Kostümbilder für Theaterproduktionen und erweitere jeweils das Team durch Freelancer für die entsprechenden Produktionen.

Wie blicken Sie der Zukunft entgegen?

Kathrin Baumberger: Wir sind besorgt, geschockt, erstaunt und auch irgendwie erleichtert. Das Tempo unserer Konsumation in allen Bereichen ist wahnsinnig schnell geworden. Nun sind wir gezwungen, langsamer zu werden und vielleicht auch zu überdenken und Neues zu schaffen. Die Ziellosigkeit ist für uns alle eine grosse Herausforderung. Die Premieren sind immer Ziele, auf die wir hinarbeiten und viel Leidenschaft und Können hineinstecken. Ohne diese Anspannung zu arbeiten, ist sehr merkwürdig und braucht riesige Energie und Motivation. Nichtsdestotrotz, wir sind es gewohnt, zu improvisieren und lassen uns nicht unterkriegen.

Simone Baumberger: Ganz sicher werden wir wieder in die Welt des Theaters eintauchen. Ich kann mir auch vorstellen, dass es andere Formen des Theaters geben wird, wo sich der Zuschauer in einem Raum bewegen kann. Vielleicht sind es Theater-Installationen. Vielleicht geht man auch wieder bewusster und gezielter ins Theater. Sicher ist, dass wir ohne Theater nicht leben können und wollen. Geschichten müssen erzählt werden, wir wollen berührt werden und ich bin voller Tatendrang und Motivation.


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Aylin Aslan