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Agenda
24.03.2021

Zwei sehenswerte Ausstellungen

Alexey Brodovitch und René Hubert im Museum für Gestaltung

Was wären Filmstars ohne glamouröse Kleider und charakteristische Kostüme? Die Ausstellung «René Hubert: Kleider machen Stars» präsentiert erstmals das Werk von René Hubert: Im klassischen Kino gehörte der Schweizer zur Crème de la Crème der Kostümbildner in Hollywood und Euro­pa. Alexey Brodovitch war einer der grossen Pioniere moderner Grafik. Seine absolut neuartigen Kompositionen aus Schrift und Fotografie revolutionierten das Layout der Modemagazine. Das Museum für Gestaltung Zürich zeigt mit über 250 Exponaten sein faszinierendes Gesamtwerk.

René Hubert: Kleider machen Stars

Während vier Jahrzehnten prägte René Hubert (1895–1976) gegen 200 Filme und kleidete Persönlichkeiten wie Ingrid Bergman, Marlon Brando oder Gloria Swanson ein – aber auch den Kinderstar Shirley Temple. Das Markenzeichen des gebürtigen Ostschweizers war Opulenz und Glamour. Damit liess er die Stars umwerfend aussehen, was deren Marktwert erheblich steigerte. Der aussergewöhnlich vielseitige Gestalter entwarf zudem für Musicaltheater und Modehäuser und erhielt mit zunehmendem internationalen Renommee bedeutende Aufträge in der Heimat, etwa für die Landesausstellung 1939 oder die Swissair.

Die Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich zeigt zum ersten Mal René Huberts Lebenswerk und bringt dafür seine Originalkostüme mit entsprechenden Filmausschnitten und inszenierten Film Stills zusammen. Ergänzt durch Werkfotos und Entwurfszeichnungen gibt die Schau zudem Einblick in die Ateliers und Arbeitsweisen der Kostümbildner zwischen Kunstgewerbe und Industrieproduktion.

Mit Gloria Swanson von Paris nach Hollywood 

Nach einer Ausbildung als Stickereizeichner in St. Gallen studierte René Hubert Malerei in Paris und begann daraufhin Kostüme für Music-Halls zu entwerfen. 1924 wurde er für einen Film engagiert, in dem mit Gloria Swanson einer der grössten internationalen Stars die Hauptrolle spielte. Nach dem Ende der Dreharbeiten nahm sie ihn als privaten Mode- und beruflichen Kostümdesigner mit nach Hollywood und lancierte damit seine Karriere im Filmgeschäft. Für ihre Rolle in The Love of Sunya (1927) entwarf er ihr ein Abendkleid mit markanten Schlitzen am Rocksaum, die als «Hubert Splits» in die Filmgeschichte eingingen.

Die von Andres Janser kuratierte Ausstellung läuft vom 19. März – 20. Juni 2021

Alexey Brodovitch – Der erste Art Director

Brav gerahmte Studiobilder, klassisch gesetzte Textblöcke – bis Anfang der dreissiger Jahre sind Magazine punkto Gestaltung wenig innovativ. Dies änderte sich, als die Chefredakteurin des weltbekannten Modemagazins Harper’s Bazaar auf Alexey Brodovitch (1898–1971) aufmerksam wird und ihm den Posten des «Art Directors» schafft. Die Arbeit des Russen verändert ab diesem Zeitpunkt die Gestaltung des Modemagazins radikal. Er schält das Spezifische einer Fotografie heraus und schliesst daraus Konsequenzen für sein Layout.

Viele seiner innovativen grafischen Strategien verstärken die architektonischen Aspekte des Bildes und betonten damit dessen dynamische Eigenschaften. Brodovitch schafft intuitiv eine Reihe von harmonischen Kompositionen, die den «Fluss» des Layouts befördern. Das Heft wird so zu einer grafischen Erzählung, die immer wieder Überraschungen und Entdeckungen ermöglicht: Ein Magazin wie ein Film auf Papier.

Die Meisterklasse & Richard Avedon 

Parallel zu seiner Arbeit bei Harper’s Bazaar führt Brodovitch eine Meisterklasse, das Design Laboratory. Hier «lehrt» Brodovitch nicht wirklich, sondern überträgt den Studierenden die Verantwortung für ihre eigene kreative Entwicklung. Einer, der Brodovitchs Forderung nach ständiger Innovation am besten umsetzt, ist der Fotograf Richard Avedon. Brodovitch verschafft ihm bald erste Aufträge für Harper’s Bazaar und gemeinsam beginnen die beiden, das Modemagazin an sich zu revolutionieren: Es entstehen Doppelseiten mit filmischen Bildgeschichten, grotesken Massstabsverzerrungen oder poetischen Spiegelungen.

Die beiden zeigen nun Mode in einem neuen, dokumentarischen Stil. Models wie Audrey Hepburn oder die legendäre Dovima werden im Rausch der Grossstadt oder in schicken Nachtclubs fotografiert. Mit solchen Bildfindungen leisten die beiden Pionierarbeit für einen Stil impressionistischer Modefotografie, der perfekt mit dem Bild übereinstimmt, welches die moderne Frau um 1950 zu werden träumt. Rund ein Duzend herausragende Modekreationen von 1935 bis 1955 aus der Swiss Textile Collection ergänzen die Schau sinnlich und atmosphärisch.

Die von Christian Brändle kuratierte Ausstellung läuft noch bis am 20. Juni 2021

von NoéMie Schwaller